Kommentar zu Max Eberls Rücktritt: Anstoß zum Nachdenken

Borussia Mönchengladbachs Sportdirektor Max Eberl erklärt seinen Rücktritt aus gesundheitlichen Gründen. Foto: dpa

Den Abgang des Gladbacher Sportdirektors nur mit Druck zu begründen, greift zu kurz. Vielmehr bietet er Anlass zu einer gesellschaftlichen Debatte, findet Christian Halling.

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. Dass der Druck im Fußball hoch ist, das ist nicht neu. Vor fast genau zehn Jahren kehrte beispielsweise Trainer Ralf Rangnick dem FC Schalke 04 den Rücken, weil er einfach „keine Kraft mehr“ hatte. Und doch hat die Art und Weise, wie Max Eberl nun seinen Rücktritt als Sportdirektor von Borussia Mönchengladbach eingereicht hat, eine neue Qualität.

Weil er aussprach, was unserer Gesellschaft in einer Zeit, in der die Sozialen Medien für einige den Lebensinhalt darstellen und ein Virus die Welt in Atem hält, so viele Probleme bereitet: Im „Schneller-höher-weiter-Streben“, gepaart mit viel Ungewissheit, hat sich ein Gefühl der Rastlosigkeit eingestellt, gegenseitiger Respekt ist nicht nur durch die Anonymität, die uns insbesondere das Netz gebracht hat, keine Selbstverständlichkeit mehr. Im komplett durchleuchteten Fußballgeschäft, welches eine breite Mehrheit in der Bevölkerung bewegt, kommen diese Entwicklungen noch einmal potenziert zum Tragen.

Für mehr Menschlichkeit im Fußball und im Leben

Max Eberl scheint sich in den vergangenen Jahren einen schweren Panzer auf den Rücken geschnallt zu haben. Dass er es drauf hat, das wusste er vermutlich ziemlich schnell, führte er die Borussia doch mit Beginn der 2010er Jahre vom Tabellenkeller in die Champions League. Der Weg des Traditionsclubs ging fast ein Jahrzehnt lang immer nach oben, sodass Eberl selbst vor vier Jahren, als erstmals im Gespräch war, seine Kompetenzen auf zwei Köpfe zu verteilen, noch abwinkte. Doch der wenig smarte Abgang von Trainer Marco Rose Richtung Dortmund, die von etlichen Nebengeräuschen begleitete Verpflichtung dessen Nachfolgers Adi Hütter, Eklats um die Spieler Embolo und Thuram sowie – natürlich – Corona haben ihn Kraft gekostet. Und Eberl immerhin vor einem Jahr dazu gebracht, sich eine Auszeit zu nehmen. (Zu) kurze zwei Wochen.

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Seitdem war es dem gebürtigen Niederbayern in mehreren einschlägigen Sportsendungen, beispielsweise im aktuellen Sportstudio des ZDF oder beim Doppelpass in Sport1, ein wichtiges Anliegen, nicht nur über das letzte Spiel zu plaudern, sondern auch für mehr Menschlichkeit zu werben – im Fußballbusiness wie im Leben. Immer ruhig und sachlich, ohne sich zu wichtig zu nehmen, aber in der Sache bestimmt. Die schwerste Krise der Borussia während seiner Amtszeit, die die Abstiegsgefahr rund um den Niederrhein heraufbeschworen hat, hat nun Eberls Panzer dazu gebracht, aufzubrechen. Weil er den Sinkflug zu sehr auf seine Person kaprizierte, ihm beißende Kommentare in den (Sozialen) Medien an die Nieren gingen. So sehr, dass er sich bei der Pressekonferenz vor dem Pokalspiel in Hannover mächtig verhaspelte, angegriffen wirkte, schlichtweg Schwächen offenbarte.

Rote Linie überschritten

Schwächen, die ihm bei seiner jüngsten, seiner letzten PK am Freitag aber als Stärke ausgelegt werden dürfen. Eberl hat mit seinen Gefühlen nicht hinter dem Berg gehalten und klar herausgedeutet, was ihn in letzter Zeit alles umgetrieben hat. Nämlich nicht mal unbedingt die 90 in letzter Zeit weniger ergiebigen Minuten seiner Fohlen auf dem Feld, sondern die Nachwehen, die ein sportlich schwaches Abschneiden im Profifußball mit sich bringt: Bis zur Hysterie ausartende Schnelllebigkeit und ein stetig rauer und distanzloser werdender Umgangston im Umfeld – ohne Rücksicht auf Verluste. Der letzte Impuls für Max Eberl, ein persönliches Stopschild zu setzen mit dem Signal: Jetzt ist eine rote Linie überschritten.

Eberls bemerkenswerter Rücktritt wird die gesellschaftlichen Probleme sicher nicht lösen oder Fehlentwicklungen aufhalten können. Doch er hat durch seine breite Öffentlichkeit das Potenzial, wenigstens mal für einen kurzen Moment einen Anstoß zum Innehalten und Nachdenken zu geben, ob sich unsere Gesellschaft gerade in die richtige Richtung entwickelt.

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