André Silva: „Ich bin mein härtester Kritiker“

aus Eintracht Frankfurt

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Ob André Silva auch in der kommenden Saison noch im Trikot der Eintracht jubelt, ist derzeit offen. Auch Vizemeister RB Leipzig steigt vermutlich im Poker um den Mittelstürmer ein. Foto: dpa

Der Portugiese ist derzeit der erfolgreichste Torschütze der Eintracht. Im Interview spricht er über Selbstreflexion und einen Rat, den er bei seiner Ankunft in Frankfurt erhielt.

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FRANKFURT. Mit saisonübergreifend vierzehn Treffern, bislang fünf in der laufenden Spielzeit, ist André Silva (23) nach Robert Lewandowski und Erling Haaland in diesem Jahr der erfolgreichste Torschütze der Bundesliga. Seinen Vertrag bei der Frankfurter Eintracht hat der portugiesische Nationalspieler (37 Länderspiele/16 Tore) bis 2023 verlängert, sein großes Ziel ist die Europameisterschaft im kommenden Jahr. Im Interview spricht er über Selbstreflexion, unangenehme Gegner und sein Erbe als Nachfolger einer Vereinsikone.

Warum spielt die Eintracht gegen Leipzig so viel besser als gegen Bremen? Liegt das nur daran, dass die Gegner offensiver auftreten und mehr Räume geben? Oder ist es gegen ein Spitzenteam auch eine andere Motivation oder eine besondere Herausforderung? Aus meiner Sicht spielen wir gegen Spitzenteams nicht zwangsläufig besser als gegen andere Mannschaften. Vergleicht man unsere Spiele gegen Bremen und Leipzig miteinander, mussten wir gegen Werder einem Rückstand hinterherlaufen, während wir gegen RB nach vorne zwar nicht die ganz große Durchschlagskraft hatten und dennoch in Führung gegangen sind.

Wie schwierig war es für Sie, sich zwischen zwei Innenverteidigern wie Konaté und Upamecano aufreiben zu müssen? Es war ja manchmal wie bei der Fabel vom Hasen und Igel, wo sie auch hinrannten, einer war schon da. Wie eben schon angedeutet, war die taktische Ausrichtung in diesem Spiel eine etwas andere, mit nur einer Spitze. Ich hatte es mit beiden Leipzigern Innenverteidigern zu tun, was für sie eher von Vorteil war, um ihr Tor zu verteidigen. Zudem stand Leipzig auch ziemlich hoch, sodass ich einen noch weiteren Weg zu ihrem Tor hatte und viel mehr laufen musste. Es war keine leichte Aufgabe, aber ich habe alles versucht, was in meiner Macht stand.

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Die Zeitungen vergeben nach jedem Spiel Noten oder beurteilen die Spieler einzeln. Lesen Sie das? Und spielt das bei Ihrer Selbstreflexion eine Rolle? Ist das in ihrer Heimat auch üblich? Das gehört zum Fußballgeschäft dazu, wir leben in einer Leistungsgesellschaft, in der permanent Vergleiche angestellt werden. Gerade durch die sozialen Netzwerke kann man sich gar nicht davon freimachen. Am Ende muss ich meine Leistung am ehesten selbst einschätzen können, gleichrangig mit dem, was der Trainer, meine Mitspieler und alle, die das Wohl der Eintracht im Blick haben, mir sagen. Aber ja, man kommt nicht umhin, auch "externe" Spielerbewertungen zu lesen.

Wer ist Ihr härtester Kritiker, der Trainer oder Sie selbst? Oder jemand anderes? Ich hinterfrage mich ständig: Was kann ich tun, was soll ich lassen, was mache ich falsch, was kann ich besser machen? Ich fange also immer bei mir selbst an. Insofern sehe ich mich schon als mein härtester Kritiker, weiß aber, dass ich zugleich mir selbst auch meine größte Hilfe sein kann. Deswegen konzentriere ich mich auf mein Tun und Handeln.

Der Blick auf die Tabelle ist für die Eintracht nach acht Spieltagen ernüchternd. „Nur“ Elfter. Aber auch nur drei Punkte Rückstand auf den Europapokalplatz sechs. Ist das Glas halb leer oder halb voll? Sie haben ja in einem anderen Interview von ihrem Champions-League-Traum gesprochen. Ist der schon ausgeträumt? Der Traum ist ja zeitlos – es muss ja nicht sofort passieren. Aber ich betrachte die Dinge eben immer positiv. Wir wissen, dass wir in der Tabelle besser dastehen könnten, aber sollten uns davon jetzt nicht beirren lassen. Vieles ist möglich, es geht aber nur über harte Arbeit und wir dürfen keinen Deut nachlassen. Positiv denken hilft dabei. Und auch aus Negativem kann man lernen, um daraus etwas Positives zu machen.

Gerade hat der 16-jährige Moukoko bei Borussia Dortmund sein Bundesliga-Debüt gefeiert Wie alt waren Sie bei ihrem ersten Profi-Einsatz? Es war mit 19, wenn ich mich nicht täusche.

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Seit einem halben Jahr treffen sie regelmäßig. Wie konnte es da sein, dass Sie ausgerechnet jetzt zu den letzten Länderspielen nicht eingeladen wurden? Hat Sie das geärgert oder waren Sie froh mal durchschnaufen zu können? So etwas ist nie eine gute Nachricht, schließlich ist jeder Spieler gerne bei der Nationalmannschaft. Mir gefällt es dort immer sehr gut, ich konnte mich bisher auch ganz gut in Szene setzen, in Form von Toren und Assists. Aber so ist es manchmal im Leben. Wie dem auch sei, ich arbeite unvermindert weiter und versuche meine Leistung zu bringen.

Warum spielen so wenige Portugiesen in der Bundesliga, neben Ihnen noch Raphael Guerreiro beim BVB und Goncalo Paciencia auf Schalke? Wie wird die Bundesliga in Ihrer Heimat wahrgenommen? Besonders viele sind wir in der Tat nicht. Ich weiß nicht, ob das sprachliche Gründe hat, denn Deutsch ist schon etwas anders als die anderen gängigen europäischen Sprachen. Zumindest ist es in Portugal die Sprache, mit der man sich am wenigsten auskennt. Den Transfermarkt mache ich nicht, ich kann nur sagen, dass ich mich hier sehr gut aufgehoben fühle. In Portugal verfolgen die Menschen die Bundesliga mit großem Interesse.

Wie beobachten Sie die deutsche Nationalmannschaft und speziell das 0:6 von Sevilla? Sie treffen ja mit Portugal bei der EM auf Deutschland. So etwas kommt natürlich nicht alle Tage vor. Das ist außergewöhnlich, kann aber jedem mal passieren. Auf das Match in der Gruppenphase wird das aber keinerlei Einfluss haben. Bis dahin ist es noch ein weiter Weg. Und außerdem ist Deutschland eine Turniermannschaft, die sich, wenn es darauf ankommt, sicherlich ganz anders präsentieren wird.

Was macht der „private“ André Silva, wenn er wegen Corona nicht einmal in ein Restaurant gehen darf? Sind Sie ein Netflix-Fan oder läuft den ganzen Tag portugiesisches Fernsehen? Es könnte alles viel besser sein, aber mit dieser Situation müssen wir alle irgendwie zurechtkommen. Die Regeln müssen natürlich eingehalten werden, das steht außer Frage. Dennoch sollte man das, was möglich ist, so gut es geht nutzen, im Kreis der Familie. In dieser Hinsicht kann ich mich nicht beklagen, denn meine Mutter war oft schon bei mir, auch der eine oder andere Familienangehörige hat mich besucht. Ich selbst bin auch unternehmungslustig. Klar kommt auch die Playstation in letzter Zeit häufiger zum Einsatz. Und Netflix schaue ich auch gerne, das aber eher während der Fahrt zu Auswärtsspielen mit der Mannschaft. Ich gehe gerne in Frankfurt spazieren, am liebsten in den Grünanlagen der Stadt, im Wald, aber auch in der näheren Umgebung. Mir ist wichtig, möglichst viel von der deutschen Kultur kennenzulernen und nicht daheim auf dem Sofa zu versacken.

Vermissen Sie ihren Kumpel Goncalo Paciencia? Müssen Sie ihn wegen der Niederlagen auf Schalke trösten? Ja, es immer gut einen Freund und Weggefährten, der auch noch ein Landsmann ist, an deiner Seite zu haben. Wir kennen uns ja schon seit unserer Kindheit. Aber Gonça geht seinen Weg und entscheidet was gut für ihn ist.

Kennen Sie eigentlich ihren Vorgänger als Torjäger, Alex Meier, und wissen Sie welchen Ruf er im Klub genießt? Ja, inzwischen kenne ich ihn auch persönlich. Als ich bei meiner Ankunft in Frankfurt zum ersten Mal seinen Namen hörte, wurde mir direkt geraten, bloß nicht seine Rückennummer zu übernehmen. Mir wurde erklärt, dass diese ihm gehört und nicht mehr vergeben wird. Und dass die Fans ihn so lieben.

Von Peppi Schmitt