VW ID. R: Surrend durch die Grüne Hölle

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Ein etwas anderer VW: Im Sommer soll der ID.R den Rundenrekord auf der Nürburg-Nordschleife knacken. Jetzt erfolgten die ersten Testfahrten. Foto: Volkswagen

Nach Pikes Peak jetzt der Nürburgring: Im Sommer soll der VW-Bolide ID. R auf der Nordschleife den Rundenrekord für Elektro-Rennwagen brechen.

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. Von Axel Keldenich

Beim Namen Dumas denkt Otto Normalverbraucher direkt an den Grafen von Monte Christo und die drei Musketiere. Nicht so die Motorsport-Fachleute von VW. Ihnen fällt nicht der Autor Alexandre, sondern der Rennfahrer Romain Dumas ein. Er war es nämlich, der mit dem Elektro-Rennwagen ID. R beim legendären Pikes Peak Bergrennen im US-amerikanischen Colorado für Furore gesorgt hat. ID steht bei den Wolfsburgern übrigens für alle Elektromodelle und das R ganz einfach für Rennsport. Seitdem trieb sich das Team auf den Rennstrecken von Goodwood, Le Castellet, Oschersleben und Almeria herum, um den Boliden rundstreckentauglich zu machen. Aber das Maß aller Dinge in diesem Metier ist nun einmal der Nürburgring, die "Grüne Hölle". Weshalb der ID.R hier im Sommer einen neuen Rundenrekord für Elektrofahrzeuge aufstellen soll, also weniger als 6;45,90 Minuten für die knapp 21 Kilometer rund um Brünnchen, Hatzenbach und Schwalbenschwanz brauchen. Da passt es gut, dass Dumas die 24-Stunden am Ring schon vier Mal gewonnen hat.

Unbeständiges Wetter in der Eifel

An einem Aprilmorgen machten sich also der Pilot und ein Team von rund 30 Spezialisten auf, um erste Erfahrungen zu sammeln. Ganz abseits aller Technik bestätigte die Eifel gleich eine altbekannte Erfahrung: Nach Sommerwetter und 24 Grad am Vortag zogen nachts heftige Gewitter auf, das Quecksilber zeigte morgens minus zwei Grad an und am Vormittag kämpften Sonne und dunkle Wolken permanent um die Vorherrschaft, bis dann – puh – endlich blauer Himmel herrschte. Für die unter zwei simplen Zeltbaldachinen arbeitenden Spezialisten lautete die Aufgabe, den Elektro-Antrieb mit seiner Leistung von 500 kW (680 PS) ebenso an die besondere Streckencharakteristik der Nordschleife anzupassen wie die Aerodynamik des Fahrzeugs an die viel höheren Geschwindigkeiten als bei einem Bergrennen. 270 km/h werden das Maximum auf den Geraden sein, im Schnitt sollen über 180 km/h herauskommen. Helfen soll dabei das DRS, das aus der Formel1 bekannt ist.

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Batterien müssen warmgehalten werden

Wichtig außerdem: Das optimierte Energiemanagement steuert die Abgabe der Leistung der zwei Elektromotoren und die Rekuperation beim Bremsen. Von den beiden Aggregaten sitzt übrigens jeweils eines an Vorder- und Hinterachse. Die Energie wird in zwei Lithium-Ionen-Batterieblöcken gespeichert, die bei den Tests permanent über mächtige Schläuche warm gehalten wurden. Besondere Herausforderungen stellen auch die Verkabelung und der Isolationsschutz innerhalb des Fahrzeuges dar, denn es arbeitet mit einer Bordspannung von 850 Volt.

Das alles muss sich in den nächsten Wochen bewähren. Zunächst hatte Sven Smeets, Motorsportboss bei VW bekannt: „Ich bin glücklich, wenn der ID.R rausfährt, aber noch glücklicher, wenn er an einem Stück zurück kommt.“ Der Wunsch wurde ihm bei zahlreichen Ausfahrten den ganzen Tag über erfüllt, mit einer Ausnahme, als der Renner auf der Strecke liegenblieb und per Abschleppdienst zurückgeholt wurde. Woran das lag, erfuhren die Gäste nicht.

Das Fahrprogramm ging dennoch weiter, weil VW zwei Prototypen mitgebracht hatte.

Die meiste Zeit waren die Rennwagen als solche gar nicht zu erkennen, weil die gesamte Karosserie in Einzelteilen neben den Fahrzeugen lag. Erst wenn wieder ein Start anstand, komplettierte sich der Wagen nach und nach, ehe am Ende Romain Dumas einstieg. Was sich so lapidar sagt, verlangt im speziellen Fall ein Höchstmaß an Gelenkigkeit. Erfolgt doch der Einstieg durch die Dachluke, die dann von außen geschlossen wird. Innen hat der Pilot dann praktisch null Bewegungsfreiheit. Nach einem ersten „Ründchen“ am frühen Morgen ging es dann um 10.24 Uhr auf die erste schnelle Runde. Wie schnell diese Runde war, wurde aber gar nicht gemessen. Smeets: „Für eine Zeitnahme mit Blick auf den Rekord ist es noch viel zu früh. Das machen wir, wenn es dann irgendwann im Frühsommer auf den Rekordversuch zu geht.“

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Abschied mit vornehmem Sirren

Mit einem vornehmen Sirren verabschiedete sich der ID.R also auf die Nordschleife, während gleichzeitig auf der Grand-Prix-Strecke mehrere Porsche 911 GT3 R brüllten, die für das anstehende VLN-Rennen trainierten.

Apropos Training: Für alle Rennenthusiasten am Computer stellte VW einen aufwändig konstruierten Simulator vor, auf dem Dumas am Vorabend der Tests schon einmal einige Runden drehte. Aufmerksamer Beobachter dabei war Ring-Legende Hans-Joachim Stuck, der dem Franzosen über die Schulter sah. Auf die Frage, ob er den ID.R auch einmal gerne über den Ring fahren würde, kam es wie aus der Pistole geschossen: „Jederzeit. Wenn ich die Chance hätte, würde ich auf der Stelle einsteigen und losfahren.“ Allerdings bleibt das alles im Konjunktiv, denn Stuck hat schon vor Jahren geschworen, nie mehr einen Rennwagen zu kutschieren.

(Axel Keldenich, der Autor dieses Blogeintrags, arbeitet als freier Journalist für Tageszeitungen und Magazine.)