Wie man mit neugierigen Verwandten umgeht

Mit neugierigen Verwandten umgehen

Wenn die Familie zusammenkommt, kann das anstrengend sein. Vor allem, wenn die Anverwandten ihre Nase in Angelegenheiten stecken, die sie eigentlich nichts angehen. Doch man...

Anzeige

Landshut (dpa/tmn) - . Bei Omas Geburtstag sucht Tante Hedwig irgendwann zwischen Sahnetorte und Schnittchen über den Rand ihrer Brille den Blickkontakt: „Sag mal, wann heiratest du eigentlich endlich?“ So schön es ist, dass man sich in der Familie füreinander interessiert und Anteil nimmt an Freud und Leid: Manche Dinge möchte man in dieser Runde dann lieber doch nicht erörtern. Und erst recht nicht mit Tante Hedwig.

In solchen Situationen cool und gelassen zu kontern, ist aber gerade im familiären Kontext leichter gesagt als getan. Beziehungen zu Verwandten haben ihre eigenen Gesetze: Man sucht sie sich im Unterschied zu Freunden nicht aus, sie können enorm nerven und trotzdem fühlt man sich ihnen verbunden.

„Das sind Urinstinkte: Wir wollen zum Rudel dazugehören. Je näher einem eine Person steht, umso mehr möchte man gefallen“, sagt Gisela Ruffer, Paartherapeutin und Beziehungscoach aus Landshut und Autorin des Buchs „Selbstbewusst Nein sagen“.

Passende Antworten für das Rudel zurechtlegen

Wenn das Rudel die eigene Lebensweise in Frage zu stellen scheint, dann schmerze das besonders, sagt Ruffer: „Das trifft den Selbstwert, weil es um die entscheidenden Fragen geht: Wer bin ich, was darf ich, warum genüge ich nicht?“

Anzeige

Am besten wappnet man sich mit einem Schutzschild aus Schlagfertigkeit. „Du hast aber ein schönes rundes Bäuchlein“, kommentiert Cousine Sarah und möchte doch eigentlich nur wissen, ob ein Baby unterwegs ist. „Stimmt. Und das war harte Arbeit. Mit ganz viel Lasagne.“

Mit einer solchen Antwort „hat man das Fass ganz schnell wieder zugemacht“, sagt Nicole Staudinger. Die Autorin („Schlagfertigkeitsqueen: In jeder Situation wortgewandt und majestätisch reagieren“) und Trainerin gibt Schlagfertigkeitskurse vor allem für Frauen.

Schlagfertigkeit lässt sich trainieren

Die schnelle, gelassene Reaktion sollte man ruhig üben, empfiehlt sie, „denn für eine schlagfertige Antwort hat man nur drei Sekunden“. Für den Anfang reichen wenige Worte, ein trockenes „Ach was“ oder ein schlichtes „Schau an“ mit hochgezogener Augenbraue. „Nicht verlegen herumdrucksen zu müssen, sondern spontan und schnell reagieren zu können, rettet die Souveränität und fühlt sich gleich viel besser an“, sagt Staudinger.

Die Schlagfertigkeit ist der Schutzschild für den Moment. Wie gut sie gelingt, hängt auch von der Tagesform ab. Vielleicht trifft Cousine Sarah mit ihrer Bemerkung ausgerechnet den wunden Punkt, der einen selbst schon seit Monaten beschäftigt. Und bringt einen so aus der Fassung, dass selbst der antrainierte Konter im Hals steckenbleibt.

Anzeige

Schon im Vorfeld absehbaren Themen begegnet Nicole Staudinger deshalb lieber mit „guter Kommunikation“. Statt an der Kaffeetafel nervös darauf zu warten, von Cousine Sarah wieder auf ein Bäuchlein angesprochen zu werden, „könnte man sie im Vorfeld anrufen und sagen, dass man sich sehr freut, sie bei der Familienfeier zu treffen, dass man aber das Thema einer möglichen Schwangerschaft lieber ausklammern möchte“, rät Staudinger: „Dann ist das von vornherein geklärt.“ Und die Torte schmeckt gleich besser.

Die eigene innere Haltung ist entscheidend

Ändern ließen sich die neugierigen Verwandten ohnehin nicht, weder Cousine Sarah und erst recht nicht die alte Tante Hedwig, dessen müsse man sich immer bewusst sein, sagt Staudinger. Wie gut sich das aushalten lässt, sei vor allem eine Frage der eigenen inneren Haltung: „Man kann sich sagen: Die Frau ist ein Ergebnis ihrer Generation, hören wir ihr gut zu, vielleicht sind wir selbst in 20 Jahren auch nicht besser.“

Und wenn das nicht funktioniert, „dann sollte man sich überlegen, ob man wirklich zu dem Fest kommen möchte. Der Ball liegt nicht bei Tante Hedwig, der Ball liegt bei einem selbst.“

Sich der eigenen Position im Familienverbund bewusst zu sein, kann ebenfalls zu mehr Gelassenheit beitragen, sagt Beziehungscoach Gisela Ruffer: „Innerhalb des Clans halten sich Rollen sehr hartnäckig.“ Dass einen Onkel und Tante nicht ernst zu nehmen scheinen, obwohl man längst erfolgreiche Managerin ist, kann damit zusammenhängen, dass man in ihren Augen immer die Kleine bleibt, die es beim Klettern nie ohne Hilfe auf den Baum schaffte. Und der man immer noch die Welt erklären muss.

Mit Gegenfrage von sich selbst ablenken

Auch Ruffer hält deshalb die innere Einstellung für ganz entscheidend: Wer sich seiner selbst sicher ist, fühlt sich nicht so leicht persönlich angegriffen. Und kann besser kontern. „Am besten mit einer Gegenfrage, denn damit bringt man das Thema von sich selbst weg“, sagt Ruffer.

„Wie läuft es im Job?“, „Wünscht ihr euch Kinder?“, „Ist es wirklich gesund, sich vegan zu ernähren?“ - Es kann auch sein, dass sich hinter solchen Fragen statt Neugier und Lästerlust ein echtes Interesse verbirgt. „Dann kann man anbieten, zu einem späteren Zeitpunkt über das Thema zu sprechen“, sagt Ruffer. Ganz in Ruhe und ohne weitere neugierige Kaffeetafel-Zuhörer.

Literatur:

Gisela Ruffer: „Selbstbewusst Nein sagen: Grenzen setzen - Grenzen achten“, Junfermann Verlag, 200 Seiten, 29,00 Euro, ISBN: 978-3955718787.

Nicole Staudinger: „Schlagfertigkeitsqueen: In jeder Situation wortgewandt und majestätisch reagieren“, Knaur Verlag, 240 Seiten, 10,99 Euro, ISBN: 978-3426790298.