Bischof Kohlgraf: „Der Zölibat ist wertvoll“

Bischof Peter Kohlgraf: „Viele sind von der Kirche enttäuscht.“ Archivfoto: Harald Kaster

Der Mainzer Bischof Kohlgraf forciert die Missbrauchsaufarbeitung und erträgt die Reformdebatte.

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MAINZ. Die Warnung vor „schnellen Schlagzeilen“, „plakativen Geschichten“ und starken Emotionen gehört zum rhetorischen Standardprogramm des Mainzer Bischofs. Stets. So auch bei der Missbrauchsaufarbeitung.

Inhaltlich aber forciert Peter Kohlgraf das Thema, unverkennbar. Er betont immer wieder, dass er mit Opfern gesprochen und dabei viel gelernt habe. Dass das Bistum Mainz mit den Generalstaatsanwaltschaften in Koblenz und Frankfurt „vollumfänglich“ zusammenarbeite, Listen mit 199 im Bistum dokumentierten Sachverhalten vorgelegt habe, „die in einem sexuellen Zusammenhang stehen könnten“. Kohlgraf betont nicht zuletzt, das Bistum wolle Opfer motivieren sich zu melden. Die Bischofskonferenz müsse einheitliche Standards festlegen, auch bei der Frage, welche Geldbeträge Opfern für erlittenes Leid zu zahlen sei.

Wenn Kohlgraf nach der Intensität befragt wird, mit der die anderen Bistümer arbeiten, sind seine Antworten von mittlerer christlicher Nächstenliebe geprägt: „In Deutschland haben alle den Ernst der Lage erkannt. Viele Menschen sind von der Kirche enttäuscht. Wir sind und bleiben in den nächsten Jahren an dem Thema dran.“ Dann relativiert er ein wenig: Er „hoffe, wir lassen nicht nach.“

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Und er sagt, in vielen Bistümern sei die Missbrauchsaufarbeitung nicht Chefsache gewesen. In Mainz aber ist das nun Chefsache, und gleichwohl, oder vielleicht gerade deshalb, gibt es jetzt ein Beratergremium mit externen Fachleuten. „Wenn es etwa um Strafrecht, Polizei oder Traumabewältigung geht, brauchen wir externen Sachverstand“, sagt Kohlgraf. Das entspreche nicht dem „alten Bischofsbild“, das eher vom Geist „das machen wir selbst“ getragen gewesen sei. In den Gesprächen mit Opfern, sagt Kohlgraf, habe er viel darüber erfahren, was die Menschen von einem Bischof erwarteten.

Im Zweifel, so der Eindruck, schont Kohlgraf den Klerikerstand nicht. Bei der Missbrauchsaufarbeitung differenziert er sehr entschieden. In Schutz nimmt er, völlig zu Recht, die „vielen jungen Priester“, bei denen er Wut und Verunsicherung wahrgenommen habe; sie seien verletzt, weil sie sich dem Generalverdacht ausgesetzt sähen, auch sie könnten Unrechtes getan haben. Genauso zu Recht verspricht Kohlgraf: Wenn vertuscht oder Täter gedeckt worden sein sollten, werde Transparenz herrschen und nötigenfalls das Kirchenrecht zum Zug kommen, das manchmal noch strafen kann, wenn das weltliche Strafrecht wegen Verjährung machtlos ist. In einem Interview war Kohlgraf kürzlich sehr intensiv nach einer etwaigen Verantwortung des verstorbenen Kardinals Karl Lehmann gefragt worden. Wie Kohlgraf künftig mit diesem Aspekt umgeht, bleibt abzuwarten. Am 11. März jährt sich der Tod Lehmanns, es gibt Gottesdienste. Nach seinem persönlichen Gefühl befragt, sagt Kohlgraf: „Ich schaue dankbar auf Karl Lehmann zurück.“

Mittlerweile weiß Kohlgraf, dass im Zuge der Missbrauchsdebatte die Frage nach dem Zölibat so sicher kommt wie das Amen in der Kirche. Er mag das Thema nicht besonders. „Ich wundere mich“, sagt er, „dass sich die Öffentlichkeit darüber wundert, dass der Papst den Zölibat bei der jüngsten Zusammenkunft mit den Vorsitzenden aller Bischofskonferenzen nicht abgeschafft hat.“ Er sieht die Möglichkeit eines „außerordentlichen Wegs“ in Deutschland: verheiratete Priester, etwa wie in der Alt-Katholischen Kirche. Aber dieser Überlegung stellt er ein unmissverständliches Credo voran: „Der Zölibat ist wertvoll.“ Jesus habe zölibatär gelebt, „ich tue es auch“.