Jacqueline Pieper begleitet mit Sternengeflüster Eltern von...

Jacqueline Pieper hilft mit ihrem Verein anderen Eltern. Im Hintergrund ist ein Foto zu sehen, das sie mit ihrer Familie – darunter auch zwei Sternenkinder – zeigt. Foto: BilderKartell/Andreas Stumpf

Sternengeflüster will Eltern auffangen, wenn sie einen Schicksalsschlag wegstecken müssen. Wenn sie ihr Baby während der Schwangerschaft oder nach der Geburt verloren haben.

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WORMS. Jacqueline Pieper weiß genau, wovon sie spricht, wenn sie von schweren Zeiten erzählt. Wenn sie von ihrem Schmerz berichtet, ihrer Trauer, ihrer Überforderung. Als sie zum ersten Mal ein Kind verloren hat. Als der kleine Leon in der 23. Schwangerschaftswoche zur Welt kam, es nach der Geburt aber doch nicht geschafft hat. Und die heute 32-Jährige zum ersten Mal Mutter eines Sternenkindes wurde.

Die Wormserin redet nun ruhig und offen über die Schicksalsschläge, die ihre Familie ereilt haben. Es waren zwei Unglücke für die Piepers. Denn Jacqueline Pieper hat nicht nur Leon verloren. Sondern auch sein Schwesterchen Celine. Die beiden sind zu den Sternen gegangen, wie die Eltern von Sternenkindern sagen.

Kerzen werden angezündet

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Heute hat die Laborantin den Tod ihrer beiden Kinder einigermaßen verarbeitet. Da haben sicher die beiden gesunden Kinder, die die 32-Jährige nach den Unglücken bekommen hat, ihren Anteil. Das liegt aber auch gewiss daran, dass Pieper aufgefangen wurde, von ihrer Familie, von ihren Freunden. Dennoch fühlte sie sich nach dem Tod des kleinen Leon oft alleine gelassen, vom Krankenhaus, vom überlasteten Personal. Der Abschied war auch deshalb ein einschneidendes Erlebnis. Bis heute. „Ich wollte alles ganz schnell über die Bühne bringen, alles hinter mir lassen. Dabei ist es für den Trauerprozess sehr wichtig, dass man sich Zeit für den Abschied lässt.“

Deswegen hilft Jacqueline Pieper mit ihrem Verein Sternengeflüster anderen Eltern, die Gleiches durchleben müssen. Dafür hat sie zuletzt ihre Arbeitsstunden runtergefahren. „Mein Job hat mich nicht mehr so erfüllt“, sagt sie.

Mit ihrem rund zehnköpfigen Vereinsteam wollen Jacqueline Pieper, Melanie Böttger und Angelika Kurzweil Betroffenen in solchen Ausnahmesituationen zur Seite stehen. Nach kurzer interner Abstimmung. So wie im vergangenen Jahr, als Pieper eine Frau über Tage bei der Geburt ihres Kindes begleitet hat. Schon vor der Entbindung war klar, dass das Baby keine Chance haben würde.

Die 32-Jährige will mit den Frauen von Sternengeflüster auf Fragen und Möglichkeiten hinweisen, die die Trauernden nicht kennen, weil sie noch nie in einer solchen Extremsituation waren. Zum Beispiel auf das Recht in Rheinland-Pfalz, dass jedes Neugeborene auf Wunsch individuell bestattet werden kann. Oder auf die Option, von der Hand oder dem Fuß des Säuglings einen 3D-Abdruck machen zu lassen.

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Seit 2015 wollen Pieper und ihr Team für Eltern von Sternenkindern da sein. Vor mehr als drei Jahren gründete Vanessa Ross einen Gesprächskreis. Aus der losen Runde wurde vor etwa einem Jahr ein Verein. Einmal im Monat treffen sich die Trauernden. Sprechen, hören zu, weinen und lachen. Je nach Stimmungslage.

Sterneneltern haben ein Bedürfnis zu trauern

Sternengeflüster plant zurzeit mit der evangelischen Kirche in Horchheim einen Gedenkgottesdienst für Sternenkinder. Am Sonntag, 9. Dezember, wollen sie gemeinsam der Kleinen gedenken. In einem schönen, „sehr anrührenden Rahmen“, wie Pfarrerin Birgit Volk sagt. Sie organisiert mit dem Verein den zweiten Gedenk-Gottesdienst am Tag des Worldwide Candle Lighting, also des weltweiten Kerzenleuchtens für verstorbene Kinder. Ab 15 Uhr zünden die Sterneneltern Kerzen an, lesen die Namen der Verstorbenen vor. Pfarrerin Volk hält eine Predigt, die Trost und Hoffnung geben soll.

Ihr ist es als Seelsorgerin wichtig, auf den Wunsch der Eltern nach Gemeinschaft und Unterstützung einzugehen – trotz der „sehr dichten Weihnachtszeit, in der eine solche Gedenkfeier eine echte Herausforderung ist. Die Sterneneltern haben ein Bedürfnis, der Kinder zu gedenken. Das nehme ich sehr ernst“, sagt die Pfarrerin und ergänzt: „Bei vielen Menschen ist das Bewusstsein gar nicht so da, wie groß der Schmerz in einer solchen Lage wirklich ist.“

Dieses fehlende Bewusstsein stört auch Jacqueline Pieper. Für die Betroffenen seien Sätze wie „Wer weiß, wofür das gut ist“ oder „Jetzt musst du es aber auch mal gut sein lassen“ beißender Spott.

Daher will die Wormserin mit ihrem Verein Trauernden helfen, aufklären und Projekte anschieben. Nächstes Jahr will Sternengeflüster im Wormser Wäldchen einen Sternenkinder-Baum pflanzen. Für jeden toten Säugling soll es einen Holzstern, den die Initiative „JAWoLL“ bastelt, geben. Und dann sucht der Verein auch nach einem Büro. Damit es für Eltern von Sternenkindern zukünftig eine richtige Anlaufstelle gibt.

Von Bastian Hauck