Märchenstunde beim Reformator

aus 500 Jahre Reformation

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Das Märchen vom „Aschenputtel“ war auch Martin Luther schon bekannt. Er schätzte vor allem die Geduld des Mädchens.   Foto:

Am 19. Juni 1530 saß Luther auf der Veste Coburg. Er spitzte seine Feder und schrieb: „Mein liebes Söhnchen! Ich weiß einen hübschen und lustigen Garten, da gehen viele...

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WORMS. Am 19. Juni 1530 saß Luther auf der Veste Coburg. Er spitzte seine Feder und schrieb: „Mein liebes Söhnchen! Ich weiß einen hübschen und lustigen Garten, da gehen viele Kinder, singen, spielen und sind fröhlich, lesen schöne Äpfel und Birnen und Mirabellen.“ Dieser Brief an das damals vierjährige Hänschen weist den großen Reformator nicht nur als warmherzigen Vater aus, sondern auch als Märchenkenner, denn hier wird das Märchen vom Schlaraffenland kindgerecht variiert.

Es war nicht das einzige, das im Hause Luther erzählt wurde. Damals waren viele Märchen noch unter den Leuten im direkten Umlauf und keinesfalls als Unterhaltung für Kinder gedacht. Eines war seinerzeit so bekannt, dass Luther es anno 1544 in eine Predigt über Kapitel 15 des 1. Paulusbriefs an die Korinther einbaute. Es ist das Märchen vom hippeligen Meister Pfriem, das man heute noch bei den Brüdern Grimm nachlesen kann.

Ebenfalls dort nachzulesen ist die Geschichte von den ungleichen Kindern Evas, die Luthers Sekretär Agricola ins Deutsche übertragen, an der aber auch Melanchthon gearbeitet hat. Der fügte der Geschichte einen Passus ein, der ihm, den man den „Präceptor Germanorum“, den „Schulmeister der Deutschen“ nannte, alle Ehre machte. Melanchthon Iässt – ganz im Sinn von Reformation und Renaissance – Gott, den Herrn, die Kinder Evas examinieren. Er fragt sie den Katechismus ab. Klar, dass das kleine blonde Abelchen wieder der Primus ist, der ungewaschene rotzige Kain hingegen die Hausaufgaben nicht gemacht hat.

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Da die Hugenotten erst lange nach Luther in Deutschland Zuflucht gefunden hatten, waren die von diesen mitgebrachten französischen Märchen wie „Gestiefelter Kater“ oder „Rotkäppchen“ ihm noch fremd. „Aschenputtel“ hingegen kannte der Reformator. Er schätzte an dem „arm Aschenprodlin“ vor allem dessen Geduld. Dietrich von Bern und andere Sagenhelden hielt er für „große mörder und leuttfresser“.

Luther war Seelsorger. So wie er im Alten Testament nur gelten lassen wollte, „was Christum treibet“, so verlangte er auch von anderen Geschichten, dass sie ihre Hörer bessern und zu guten Werken motivieren mögen. Er wollte Beispielgeschichten. Daher führte er in sein „Schlaraffenland“ den Gartenbesitzer ein und fragte diesen, was denn da für Kinder spielen dürfen. Antwort: „Kinder, die gerne beten, lernen und fromm sind.“ Beispielgeschichten, wie sie Luther schätzte, fand er in den antiken, Äsop zugeschriebenen Tierfabeln. In ihrem Wert für den Zuhörer stellte er sie sogar Psalmen und Propheten gleich. Kein Wunder! Fabeln sind knappe und meist spannende Kurztexte mit anhängender präziser Nutzanwendung, wenn man so will also eine prägnante Kurzpredigt.

Die erste umfassende deutsche Bearbeitung antiker Fabeln hatte der Predigermönch Ulrich Boner bereits rund 200 Jahre vor Luther vorgelegt. Seitdem begann sich die Fabeldichtung als eigene Gattung in der deutschen Literatur zu entfalten. Ursprünglich wollte der Reformator die ganze damals vorliegende Äsop-Sammlung ins Deutsche übertragen und kritisch bearbeiten. Ein paar entsprechende Texte hat er auch geschrieben. Melanchthon hat ihn in diesen Plänen sehr bestärkt und sich auch anheischig gemacht, Geldgeber für die Finanzierung eines so aufwendigen Werks aufzutun. Der Fortgang des reformatorischen Geschehens hat Luther aber keine Zeit mehr dazu gelassen.

Von Alfred Pointner