Krämpfe durch vergifteten Apfel

aus 500 Jahre Reformation

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Martin Luther war mehrfach das Ziel von Mordanschlägen. Der erste soll bereits 1521 in Worms stattgefunden haben. Während seiner Rede vor dem Kaiser reichte jemand dem Mönch...

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WORMS. Martin Luther war mehrfach das Ziel von Mordanschlägen. Der erste soll bereits 1521 in Worms stattgefunden haben. Während seiner Rede vor dem Kaiser reichte jemand dem Mönch ein Glas Wein. Der setzte das Glas ab. Es zersprang. Der Wein war vergiftet. Obwohl man noch lange in Worms die entsprechende Bank gezeigt hat, die ganz ausgehöhlt war, „wegen der vielen Holzstückchen, die sich eifrige Lutheraner zur Erinnerung mitgenommen haben“, ist die dramaturgisch gut gebaute Geschichte eine Sage.

Freilich mit realistischem Kern. Im Nachgang zu der Verweigerung des Widerrufs hatte nämlich der Kurfürst von Trier Luther nochmals zu einem Arbeitsessen eingeladen. Dabei zerbrach Luthers Weinglas, als er es zum Mund führen wollte. Nicht, weil der Wein vergiftet war, sondern weil man es offensichtlich zu schnell abschreckte.

Die ernst zu nehmenden Angriffe auf den Reformator erfolgten in Wittenberg. Als Luther einmal seiner Wohnung zustrebte, sprach ihn vor dem Hause ein Fremder an. Der hatte eine Radschlosspistole im Ärmel versteckt und fragte den Doktor überrascht, wieso er ohne Schutz allein unterwegs sei. „Ich stehe in Gottes Händen“, antwortete Luther, „der ist mein Schutz und Schirm, was kann mir ein Mensch da tun?“ Über diesen Satz ist der bestellte Meuchelmörder ganz blass geworden und zitternd zum Tor hinausgegangen. Er blieb nicht der einzige Killer, den man auf den Reformator angesetzt hatte. Einen griff man in der Küche auf, ein anderer war bis in das Arbeitszimmer vorgedrungen. Einmal signalisierte die Abwehr einen Agenten mit einer ziemlich genauen Personenbeschreibung, einschließlich der Haar- und Bartfarbe. Und richtig kam dann einer, auf den die Beschreibung zutraf, bis eben auf Haar- und Bartfarbe. Büttel und Barbier warfen sich auf ihn und schrubbten und hantierten an Bart und Haaren. Ohne Ergebnis. Er war doch nicht der erwartete Mörder. Als der dann tatsächlich kam, war die Warnung vergessen.

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Diesmal hatte man mit Michel von Krakau, einem polnischen Juden, so Armsdorf in einem Schreiben, einen Spezialisten von Format auf Luther angesetzt. Er gab sich in Wittenberg als weitgereister Mathematiker aus und suchte zunächst Kontakt zu Melanchthon. Dort wurde er mit offenen Armen aufgenommen. Die Wittenberger arbeiteten an der Übersetzung des Alten Testaments, ein gebildeter Jude war da als geborener Fachmann für Judaica gerne gesehen. Außerdem nutzte er geschickt Melanchthons Schwäche für Astrologie. Schließlich erwirkte er eine Einladung zum Abendessen bei Luther. Auch dort brillierte der Hebräer. Und als man zum Ende der Mahlzeit Obst auf die Tafel setzte, wählte er elegant und mit Bedacht den schönsten Apfel, schnitt ihn entzwei, aß die eine Hälfte und legte die andere dem Hausherrn vor, der sie mit Genuss verzehrte. Anschließend bedankte sich der Krakauer gewandt, verabschiedete sich und ging.

Etwa eine Stunde später wand sich Luther in furchtbaren Krämpfen. Schweiß brach aus. Luther war vergiftet worden. Man rechnete mit dem Schlimmsten. Als Melanchthon entsetzt den Fremden in dessen Herberge suchte, hatte dieser bereits unbeschadet die Stadt verlassen.

Im 16. Jahrhundert war es noch üblich, dass die Gäste zu einer Einladung Besteck und Serviette mitbrachten. Auch der Attentäter hatte das getan. So konnte er seinen Anschlag mit einem Giftmesser sorgfältig vorbereiten und in Ruhe durchführen. Diese Messer waren komplizierte Geräte, ermöglichten aber – vor allem bei dem Obsttrick – ein Höchstmaß an Tarnung. Noch heute erinnert das Märchen von Schneewittchen daran.

Martin Luther stirbt am 18. Februar 1546 in Eisleben und zwar eines natürlichen Todes.

Von Alfred Pointner