Wie zwei Menschen durch Alzheimer zueinander fanden

Gisela Scholl und Heinz Müller sind Mitglieder der Alzheimer Gesellschaft Wiesbaden und seit mehr als 20 Jahren ein Paar. Ihre Geschichte gehört zu den schönsten, die der Verein anlässlich seines 25. Geburtstags erzählen kann. Foto: Regina Petri/Alzheimer Gesellschaft Wiesbaden

Heute ist Welt-Alzheimertag. Zwei Wiesbadener, die ihre Partner an Alzheimer verloren haben, finden in der Alzheimer Gesellschaft Unterstützung – und die Chance auf einen...

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WIESBADEN. Es passiert nicht so häufig, dass man pure Freude empfindet, wenn es um das Thema Alzheimer geht. Aber dann sitzt man mit Gisela Scholl und Heinz Müller an einem sonnigen Tag in einem Wiesbadener Café zusammen. Und während die beiden Senioren die Geschichte ihrer Beziehung erzählen, die mit dieser unheilbaren Krankheit begonnen hat, zaubern sie den Zuhörern tatsächlich ein Lächeln ins Gesicht.

Gisela Scholl, 94 Jahre alt, und Heinz Müller, 98 Jahre alt, kennen sich seit 60 Jahren und gehen seit bald 20 Jahren gemeinsam ihren Weg. Ihre Geschichte ist die eines ganz besonderen Paares. Eine Geschichte, die mit Schmerz und Trauer begonnen hat, denn die früheren Ehepartner der beiden erkrankten an Alzheimer. Aber es ist auch eine Geschichte, die vom Glück erzählt, nicht allein zu sein. Und eine die zeigt, wie wertvoll die Unterstützung der Alzheimer Gesellschaft Wiesbaden ist, die in diesem Jahr ihr 25-jähriges Bestehen feiert.

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Als „Liebespaar“ würden sich Gisela Scholl und Heinz Müller selbst nicht bezeichnen. „Es hat sich so ergeben“, sagt der pensionierte Beamte des Bundeskriminalamts betont sachlich. „Jeder hat seine eigene Wohnung und das funktioniert gut“, sagt Gisela Scholl. Vielleicht ist dieser pragmatische Ansatz eine Generationenfrage. Wer erlebt, wie die beiden einander zugetan sind, gemeinsam lachen und die Hand des anderen halten, sieht aber auch: Jenseits von klassischer Romantik haben sie etwas, das für sie von höherem Wert ist: Sie kümmern sich umeinander, sie achten aufeinander, sie verbringen ihre Zeit miteinander.

Die beiden sind seit den Anfängen Mitglieder der Alzheimer Gesellschaft Wiesbaden. Deren Wurzeln liegen in einer Selbsthilfegruppe, die 1995 gegründet wurde. Eine treibende Kraft war die Wiesbadenerin Renate Buderus, die Informationen und Unterstützung zum Thema Alzheimer in Wiesbaden vermisste, nachdem ihre Schwiegermutter daran erkrankt war. Und der Bedarf war enorm. Aus der stetig wachsenden Selbsthilfegruppe entstand im März 1997 die Alzheimer Gesellschaft Wiesbaden mit Buderus als 1. Vorsitzender.

Gespräche werden für Angehörige zu einer Stütze

Gisela Scholl tritt 1998 dem Verein bei. Ihr Ehemann, ein Arbeitskollege von Heinz Müller, ist zu diesem Zeitpunkt schon länger an Alzheimer erkrankt. Und wie so viele betroffene Angehörige sucht sie Rat, Informationen, Austausch und Unterstützung, die noch längst nicht so institutionalisiert sind wie heute. „Man wusste damals noch nicht so viel über die Krankheit. Dass ein Mensch alles vergessen kann, das muss man erst einmal begreifen“, sagt Gisela Scholl.

Die noch junge Alzheimer Gesellschaft Wiesbaden und deren Angebote sind für Gisela Scholl ein Segen. Die Treffen mit der Selbsthilfegruppe versorgen sie nicht nur mit Informationen. Die Gespräche mit anderen pflegenden Angehörigen werden für sie auch zur mentalen Stütze. Ein Jahr später stirbt Gisela Scholls Ehemann, aber sie bleibt der Gruppe treu. „Ich bin einfach dabei geblieben“, erzählt sie. Enge Kontakte und Freundschaften haben sich gebildet. Sie bestehen bis heute.

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Als Gisela Scholls Mann stirbt, sind auch Heinz Müller und seine Ehefrau für sie da. Die beiden Männer waren Arbeitskollegen, die Ehepaare seit 40 Jahren befreundet. Ihre Wohnungen im Wiesbadener Nordosten liegen sich gegenüber. Doch drei Jahre nach dem Tod von Gisela Scholls Ehemann erkrankt auch die Ehefrau von Heinz Müller an Alzheimer. Es ist Gisela Scholl, die ihm von der Alzheimer Gesellschaft erzählt. „Ich habe ihm gesagt: Gehen Sie da mal mit mir hin“, erzählt Gisela Scholl, damals noch mit Heinz Müller per Sie. „Meine Frau war sehr ruhig, aber sie ist oft weggelaufen. Die Hilfe durch den Verein war sehr wertvoll“, sagt Heinz Müller. 2004 stirbt seine Ehefrau. Und diesmal ist es Gisela Scholl, die ihm eine Stütze ist.

Diese gegenseitige Unterstützung ist geblieben. Auch wenn heute manches langsamer gehen muss, leben die beneidenswert fitten über 90-Jährigen noch immer in ihrer jeweils eigenen Wohnung. Auf große Reisen oder lange Ausflüge müssen sie mittlerweile verzichten. Aber das tägliche gemeinsame Essen in einem Lokal ist ebenso ein lieb gewonnenes Ritual wie der morgendliche Blick aus dem Fenster zur Wohnung des jeweils anderen. „Wenn bei Gisela der Rollladen oben ist, weiß ich, es ist alles in Ordnung“, sagt Heinz Müller.

Der Alzheimer Gesellschaft Wiesbaden sind sie selbstverständlich noch immer als Mitglieder verbunden. Keine Frage, dass die Geschichte von Gisela Scholl und Heinz Müller und deren wunderbarer Beziehung zu den schönsten gehört, die der Wiesbadener Verein im Jahr seines 25-jährigen Bestehens erzählen kann.

Von Alexandra Eisen