Israeli Joe Schwarz verarbeitet deutsche Familiengeschichte im...

Joe Schwarz mit seinen Söhnen Yo'av und Ilan (v.re.).Foto: Bernd Wilhelm  Foto: Bernd Wilhelm

„Der Holocaust war die dunkle Wolke, die seit meiner frühen Kindheit über meiner Familie schwebte“, erzählt Joe Schwarz, dessen Eltern 1939 noch im letzten Augenblick...

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HAMM. „Der Holocaust war die dunkle Wolke, die seit meiner frühen Kindheit über meiner Familie schwebte“, erzählt Joe Schwarz, dessen Eltern 1939 noch im letzten Augenblick nach Kanada fliehen konnten. Viele seiner nächsten Angehörigen wurden dagegen ermordet. „Es ist kein Wunder, dass ich aufwuchs als jemand, der alles Deutsche verachtete“. Nie hätte er sich vorstellen können, noch einmal in seinem Leben in die Heimat seiner Vorfahren zu reisen. Doch dann passierte etwas Unerwartetes. Im Mai 2015, auf dem Rückflug von Toronto nach Israel, wo Schwarz heute lebt, kam er im Flugzeug neben einem Deutschen zu sitzen, Pfarrer Thomas Höppner-Kopf aus Hamm am Rhein.

Mainzerin vermittelt Gesprächspartner

Der Pfarrer wollte im Verlauf eines angeregten Gesprächs wissen, ob seine Eltern sich denn als Deutsche gefühlt hätten, und Schwarz erzählte, dass ihre Familien hunderte von Jahren in Deutschland gelebt, deutsche Namen gehabt, deutsche Schulen besucht hätten und fest in der deutschen Kultur verwurzelt gewesen seien, wobei sie ihrer Religion immer treu geblieben seien.

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Im Lauf der Unterhaltung und bei fortbestehendem Kontakt reifte in Joe Schwarz der Wunsch, doch einmal nach Deutschland zu fahren und die Orte aufzusuchen, wo Eltern, Geschwister und Großeltern gelebt hatten. Seine Söhne Ilan und Yo’av erklärten sich bereit, ihn zu begleiten.

Dass diese Reise im September 2016 dann zu einem ganz besonderen Erlebnis wurde, verdankt Joe Schwarz der Mainzerin Gabriele Hannah, die seit Jahren jüdische Ahnenforschung betreibt und Zugang zu verschiedenen Genealogieportalen hat. Pfarrer Höppner-Kopf stellte den Kontakt zu ihr her, und sie schickte Schwarz im Vorfeld nicht nur viele Informationen über seine Familie, sondern vermittelte ihm auch Gesprächspartner vor Ort.

Joe Schwarz‘ Familie mütterlicherseits lebte in Heinsberg, nahe der holländischen Grenze, die Familie väterlicherseits in Müddersheim, Kreis Düren. Die Begegnungen, die Joe und seine Söhne Ilan und Yo’av dort hatten, die Erfahrungen, die sie machten, aber auch den abschließenden Besuch der Drei bei Familie Höppner-Kopf in Hamm und die Stadtführung durch das jüdische Worms mit Traudel Mattes beschrieb er in dem Buch „Stepping forward into the Past. Ein Schritt vorwärts in die Vergangenheit“, das von Martina und Hans-Dieter Graf, Bruder von Gabriele Hannah, angeregt und jetzt in deutscher und englischer Sprache herausgegeben wurde. Die Pröpstin i.R. Gabriele Scherle, die die Israelreise, an der auch Pfarrer Höppner-Kopf teilnahm, organisiert hatte, bezeichnet dieses Buch in ihrem Vorwort als „Dokument eines kleinen Wunders“, und Dr. Heinrich Mussinghoff, emeritierter Bischof von Aachen, in dessen Bistum Heinsberg und Müddersheim liegen, schreibt: „Es war für die drei Besucher ein Ereignis, in dem die Leiden der nationalsozialistischen Verfolgung präsent wurden, sie aber ,Freunde und Frieden‘ gefunden haben.“

Joe Schwarz lernte, begleitet durch kundige und hilfreiche Menschen vor Ort, das Umfeld kennen, wo seine Eltern, ihre Geschwister und ihre Geschwister lebten, unterhielt sich mit Leuten, die sie kannten, und stand irgendwann in einem einsamen Waldfriedhof, auf dem die Urgroßeltern, der Großvater und weitere Verwandten begraben liegen. Die tiefe Bewegung und große Dankbarkeit, die Joe empfand, ist spürbar in jeder Zeile seines Berichts.

Auch bei der Pfarrersfamilie in Hamm hinterließ die Begegnung nachhaltigen Eindruck, wie Thomas Höpper-Kopf in seiner Nachbetrachtung berichtet. Im Frühjahr 2017 besuchte er Joe in seinem Haus in Ramat haSharon, nicht weit von Tel Aviv entfernt, und fühlte sich unter Freunden. Immer wieder habe man auch über die Schoa gesprochen. „Aus dieser Begegnung mit Joe ist mir klargeworden: Auch wenn wir nicht die Akteure der Vergangenheit sind, so haben wir dennoch die Folgen der Vergangenheit mit zu tragen und sind insofern auch dafür verantwortlich, aus der Vergangenheit zu lernen und so unsere Gegenwart und Zukunft zu gestalten.“