Ganz stark im Leisen – Hessisches Staatsorchester startet...

Mit Werke von Messiaen, Mozart und Beethoven gestaltete das Hessische Staatsorchester sein erstes Konzert in der neuen Saison im Wiesbadener Kurhaus. Die Leitung hatte Keri-Lynn...

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WIESBADEN. Fließend verliefen die Grenzen zur Kammermusik im ersten Saisonkonzert des Hessischen Staatsorchesters im Kurhaus. Dank der Besetzung mit Solo-Flöte und nur acht weiteren Instrumenten brachte „Mémoriale“, 1985 von Pierre Boulez als musikalisches Kondensat der Farben komponiert, einen feinen Gegenwarts-Kontrapunkt zu den üppig-repräsentativen Orchestergastspielen, die in den vergangenen Wochen einen guten Teil der Festivalprogramme im Thiersch-Saal ausgemacht hatten. Unter der exakt koordinierenden Leitung von Gastdirigentin Keri-Lynn Wilson, vor allem aber dank des flüssig-filigran von Mátyás Bicsák ausgespielten solistischen Parts gelang der minutenkurze Konzerteinstieg ganz stark im Leisen.

Pianist verbindet sich anschmiegsam mit Orchester

Einem kammermusikalischen Satz wandte sich auch Pianist Christopher Park zu, indem er in seine Zugabe kurzerhand drei Stimmführer der Streichergruppen einbezog und mit ihnen gemeinsam das Rondo-Finale aus Mozarts Klavierquartett g-Moll KV 478 interpretierte. Dass sich dabei gegenüber der vorherigen Aufführung von Mozarts Konzert für Klavier und Orchester G-Dur KV 453 zwar die Besetzung, nicht aber die Dichte und Intensität der Feinabstimmung änderten, zeigte die Sinnfälligkeit dieser klug gewählten Zugabe. Denn der vor 31 Jahren geborene Solist hatte sich in diesem besonders verinnerlichten, lyrischen Werk nicht weniger anschmiegsam mit dem Orchester verbunden: Sein sanftes und leicht trockenes Non-Legato-Spiel war häufig mehr Akzent als Auftrumpfen, die behutsame Erkundung harmonischer Randgebiete im langsamen Satz, aber auch die liedhafte Verspieltheit im Finale verdeutlichten sehr werkdienlich, wie stark die Idee des Konzertierens in diesem eher selten aufgeführten Konzert von einem Miteinander überformt ist.

Hatte die kanadische Dirigentin Keri-Lynn Wilson zum Gelingen der Mozart-Aufführung fein steuernd beigetragen, so ließ sie das Staatsorchester in der Aufführung von Beethovens Sinfonie Nr. 3 Es-Dur op. 55 über sich hinauswachsen. Und das sogar zum wiederholten Mal, denn sie hatte schon im vergangenen Jahr ein Gastkonzert mit einer fulminanten Aufführung von Schostakowitschs Sinfonie Nr. 10 e-Moll op. 93 gekrönt. Dass beide Werke auf ihr politisches Umfeld Bezug nehmen, mit einer tönenden Stalin-Fratze bei Schostakowitsch und einer der Legende nach wütend verworfenen Widmung an Napoleon im Fall der „Eroica“, ist eher eine aparte Randnotiz. Denn mit einem offenbar höchst partnerschaftlichen, aber sichtlich klaren Führungsstil erzielte Wilson auch jetzt wieder beglückende Ergebnisse in Gestalt einer enorm zugkräftigen, präzisen, dynamisch immer wieder reich ausgestaffelten Beethoven-Interpretation, die zu Recht auf begeisterte Zustimmung stieß – auch wenn im ersten Saisonkonzert erstaunlich viele Plätze im Saal frei blieben.