„Das All und das Intimste“

Thomas Lehr, nominiert für den Deutschen Buchpreis, ist mit „Schlafende Sonne“ zu Gast im Rheingau.Foto: Ansgar Klostermann  Foto: Ansgar Klostermann

Vier ehemalige Preisträger hatte das Rheingau Literatur Festival anlässlich seines 25. Geburtstages in diesem Jahr geladen. Als einer von ihnen stellte Thomas Lehr in der...

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GEISENHEIM. Vier ehemalige Preisträger hatte das Rheingau Literatur Festival anlässlich seines 25. Geburtstages in diesem Jahr geladen. Als einer von ihnen stellte Thomas Lehr in der Sektkellerei Bardong im Gespräch mit Ruth Fühner nun seinen neuen, für den Buchpreis nominierten Roman „Schlafende Sonne“ vor.

Thomas Lehr, nominiert für den Deutschen Buchpreis, ist mit „Schlafende Sonne“ zu Gast im Rheingau.Foto: Ansgar Klostermann  Foto: Ansgar Klostermann

Alles windet sich um einen einzigen Tag

18 Jahre ist es bereits her, dass Lehr für „Nabokovs Katze“ ausgezeichnet wurde und natürlich sind die 111 Flaschen Riesling längst geleert. Aber die Erinnerung daran ist noch frisch, bekennt er, und darüber hinaus sei ihm die „lebenslange Zuneigung zum Rheingauer Wein“ geblieben. Geblieben sind offenbar auch die Fragen von damals: „Welchen Sinn hat das Universum, und weshalb verlässt mich Camille, anstatt mit mir zu vögeln?“ rätselte der Protagonist in „Nabokovs Katze“. Und gleichermaßen prallen in „Schlafende Sonne“ „das All und das Intimste aufeinander“. Diesmal geht es allerdings um eine Protagonistin, eine in der DDR aufgewachsene Künstlerin, denn: „die Geschichte musste nochmal spiegelbildlich aus der Sicht einer Frau erzählt werden“. Neu und für den Leser nicht ganz leicht zu fassen ist auch die sich spiralförmig um einen einzigen Tag windende Erzählweise. Am Abend des 19. August 2011 wird eine große Retrospektive Milena Sonntags in Berlin eröffnet. Der Roman beginnt im Morgengrauen und endet um 22.30 Uhr. Alles weitere Geschehen organisiert der Autor darum herum wie „Bilder einer Ausstellung“: Milenas Familiengeschichte als Tochter eines bekannten DDR Malers, ihre Liebesgeschichte mit Rudolf, ihre Ehe mit Jonas, Auslandsaufenthalte, ihre Arbeit, die Auseinandersetzung mit der Philosophie Edmund Husserls und Edith Steins und vieles mehr. Gleichzeitig nimmt Lehr ihre Kunst zum Anlass, ein gründlich recherchiertes Panoptikum der politischen Ereignisse und Katastrophen des 20. Jahrhunderts zu entwerfen.

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Die an diesem Abend gelesenen Passagen, einschließlich der Schlussszene als groteske Vision um Milenas Gestaltung des Deutschen Pavillons bei der Biennale 2014, konnten zwar nur ansatzweise einen Eindruck von der Komplexität des Werkes vermitteln, doch wenn Lehr erzählt, dass das Schreiben darüber einen „enormen Drive“ gewonnen habe und nach 638 Seiten mit „wird fortgesetzt“ endet, verwundert das wohl niemanden. Zwei weitere Bände sind geplant, Besuche beim Rheingau Literatur Festival eingeschlossen.

Von Bärbel Schwitzgebel