(dpa) In der Kölner Innenstadt ist das Historische Stadtarchiv am Dienstag komplett eingestürzt und hat zwei Nachbargebäude mitgerissen. Neun Menschen wurden vermisst. Binnen weniger Augenblicke verwandelte sich das vierstöckige Gebäude – eines der bedeutendsten Stadtarchive Deutschlands – in einen Schuttberg. Spürhunde durchsuchten die Trümmer.
Der Schaden durch die verlorenen Dokumente gilt als unschätzbar, Wissenschaftler sprachen davon, dass das „Gedächtnis der Stadt“ ausgelöscht sei. Ursache für das Unglück war möglicherweise der angrenzende U-Bahn-Bau. Der U-Bahn-Tunnel verläuft direkt neben der Unglücksstelle an der Severinstraße, über die vor gut einer Woche noch der Rosenmontagszug gerollt war.
Vermisst wurden ein Ehepaar aus einem angrenzenden Wohnhaus und sieben Menschen, die sich möglicherweise in oder vor einer ebenfalls eingestürzten Spielhalle aufgehalten hatten. Ein Anwohner kam mit einem Schock ins Krankenhaus. Statiker prüften, ob auch noch andere Gebäude einsturzgefährdet waren. Der Schaden geht in die Millionen.
Vieles aber lässt sich gar nicht in Geld bemessen. Schätze der zweitausendjährigen Kölner Stadtgeschichte dürften für immer verloren sein. Eberhard Illner, ein langjähriger Abteilungsleiter in dem Archiv, sagte im Deutschlandradio Kultur, der Schaden sei größer als beim Brand in der Anna-Amalia-Bibliothek in Weimar: „Wir reden hier von ungefähr 18 Regalkilometern wertvollsten Archivguts, und zwar europäischen Ranges.“
Die Mitarbeiter und Nutzer des Archivs konnten sich nach vorläufigen Erkenntnissen retten, weil sich der Einsturz durch Geräusche ankündigte. Augenzeugen berichteten auch davon, dass Bauarbeiter gerufen hätten, man solle sich schleunigst in Sicherheit bringen. In die benachbarte Grube für den U-Bahn-Bau drang nach dem Einsturz Wasser ein. Der dadurch entstandene Schaden sei jedoch begrenzt, sagte ein Sprecher der Kölner Verkehrsbetriebe.
Bei Polizei und Feuerwehr wurde Großalarm ausgelöst. Das Gebiet rund um den Unglücksort an der Severinstraße wurde weiträumig abgesperrt. Augenzeugen erzählten von einem dumpfen Krachen und einer riesigen Staubwolke. Die Kioskbesitzerin Paraskevi Oustampasiadi (42) sagte: „Die komplette Kreuzung war in dunklem Nebel. Das sieht hier aus wie am 11. September.“
Ex-Abteilungsleiter Illner bezeichnete den Einsturz als eine „absehbare Katastrophe“. Noch in der vergangenen Woche habe es erneut Hinweise auf erhebliche Senkungsrisse gegeben. „Man wird also jetzt danach forschen müssen, wer ist verantwortlich dafür“, sagte er. In dem eingestürzten Hauptgebäude befanden sich laut Illner die Hauptbestände des Archivs, wie zum Beispiel die seit 1000 Jahren gelagerte komplette Überlieferung der Stadt Köln. Außerdem lagerte dort ein großes Nachlassarchiv von Schriftstellern wie Heinrich Böll und Komponisten sowie ein bedeutendes Architekturarchiv. „Das sehe ich jetzt vor mir unter Bergen von Beton und Bergen von Schutt. Das ist erschütternd“, sagte Illner.
Der Projektleiter der Kölner Verkehrsbetriebe, Rolf Papst, betonte, die Tunnelarbeiten am Unglücksort seien schon seit über einem Jahr beendet. Zurzeit fänden dort noch „eher unbedeutende Arbeiten“ statt. Der Bau der sogenannten Nord-Süd-Bahn hat schon für viel Ärger gesorgt. Die Kosten für das Projekt explodierten, die Geschäftsleute an der Severinstraße klagten über Umsatz-Einbrüche. Auch ein Kirchturm geriet durch den Tunnelbau in Schieflage.
