Von Claudia Wößner
Dienstagabend, 19 Uhr, auf dem Rastplatz „Kurzgewann” an der A 61. Auf dem Parkplatz zwischen dem Frankenthaler Kreuz und der Anschlussstelle Worms in der Höhe von Wiesoppenheim hat es noch jede Menge freie Stellplätze. Nur zehn dicke Brummis haben hier bisher einen Stopp eingelegt. Drei davon mit deutschen Kennzeichen, die anderen aus der Slowakei, aus Slowenien, aus Ungarn, aus Lettland, aus Polen und aus Tschechien. In den nächsten Minuten rauschen immer mehr Vierzigtonner heran. Auch sie wollen Pause machen auf der Kurzgewann.
Die Markierungen auf dem Rastplatz sind in vielen Bereichen noch strahlend weiß. Der Asphalt völlig eben, ohne ausgefahrene Stellen. Die grünen Mülltonnen haben keine Kratzer, kaum Gebrauchsspuren. So sieht es aus, wenn ein Parkplatz neu hergerichtet wurde. Nach monatelanger Umbauzeit war die Kurzgewann erst im Mai fertig gestellt worden. Als Teil des Lkw-Parkplatzprogramms von Bund und Land war der Rastplatz ausgebaut worden, um die Parkplatznot der schweren Gefährte an Deutschlands Autobahnen zu lindern. Immer häufiger stehen die langen Laster an den großen Verbindungsstrecken nachts dicht an dicht. Manchmal ist es sogar schon vorgekommen, dass Lkw zwangsweise auf den Standstreifen gehalten haben, um die gesetzlich vorgeschriebenen Lenkzeiten einzuhalten.
Fertig-Camemberts im Wasserbad
Es weht ein leichtes Lüftchen. Die Windräder am Fahrbahnrand drehen sich. Sonnenstrahlen brechen durch die Wolkendecke hindurch. Durch den Zaun hat man einen hervorragenden Blick auf Worms. Der Kaiserdom, der Wasserturm, das Klinikum oder im Vordergrund der Horchheimer „Dom des Eisbachtals“ - auf alle großen Bauten der Stadt kann man ein Auge werfen. Es ist ein wenig wie Heimatkunde beim Anhalten. Péter Mátis hat für die Schönheiten des Umlands im Moment allerdings keinen Blick. Der Trucker aus Ungarn macht sich gerade seine Fertig-Camemberts im Wasserbad warm. „Das ist mein Frühstück“, erzählt er in radebrechendem Englisch. Mátis findet die Kurzgewann „nett“: beide Daumen hoch.
Detlev Broens aus Nordrhein-Westfalen fällt hingegen nur ein Wort ein, wenn er den neu gemachten Parkplatz beschreiben soll: „Trostlos.“ Keine Bäume und keine Hecken, noch nicht mal eine Toilettenanlage gibt es. „Für die Autofahrer haben sie Tische und Bänke aufgestellt, für uns nicht. Ich weiß nicht, wo die ganze Maut geblieben ist“, schimpft Broens in seinem Führerraum. Sein Kollege Stephan Dombrowski ist ebenfalls stinkig: „Der Rastplatz ist toll. Nur die Toiletten haben sie vergessen.“ Sich als letzte Rettung ins Gebüsch zu schlagen, hat keinen Sinn auf dem Parkplatz. Es gibt ja kein wild wachsendes Grün. Dies führt dazu, dass man auf der Kurzgewann permanent unfreiwillig zum Augenzeugen bei der Verrichtung menschlicher Bedürfnisse wird. Fernfahrer dürfen nicht zimperlich sein. Helge Bonn schaut gerade fern auf seinem Laptop. Der 59-Jährige steht schon seit drei Stunden hier, nachts um zwei Uhr geht es weiter nach Österreich.
Könige der Landstraße? Schon lange nicht mehr
„An der A 61 kriegt man immer einen Parkplatz“, ist er überzeugt. „Katastrophal ist es auf der A 2 und auf der A 8, da fährt man abends von Parkplatz zu Parkplatz und findet nichts, die Lenkzeiten können sie da vergessen.“ Detlev Broens sieht das ähnlich: „Wenn man an der A 61 rechtzeitig ranfährt, gibt es keine Probleme, aber fahren sie mal auf die A 2.“ Als Könige der Landstraße fühlen sich die Berufskraftfahrer bei ihren Parkplatz-Irrfahrten schon lange nicht mehr. Sie „laben“ sich stattdessen an aufgewärmten Camemberts.
