Von Roland Keth
Der herrliche Garten, die vielen Blumen, die Eichhörnchen, die übers große Grundstück huschten, das eigene Haus - dies alles aufzugeben und in eine vergleichsweise bescheidene, aber barrierefreie Vier-Zimmer-Wohnung an der lauten Bebelstraße zu ziehen, „das hat viele Tränen gekostet“, seufzt Erna Schärf. Aber sofort fügt die 83-jährige, resolut wirkende Seniorin hinzu: „Die Entscheidung war richtig. Wir haben gerade noch den richtigen Zeitpunkt für den Absprung geschafft.“ Ihr Mann Willi (81) nickt. „Es ging nicht mehr, wir mussten das tun.“ Und während er das sagt, blickt er seine Erna liebevoll von der Seite an.
„Sie hat immer häufiger einfache Dinge vergessen“
In der Tat, die beiden alten Leute, die seit fast 60 Jahren verheiratet sind, haben einen Weg gefunden, wie sie mit den Gebrechen Erna Schärfs umgehen können. Denn die frühere Kindergärtnerin hat nicht nur zwei künstliche Hüftgelenke und muss mit den Folgen ihrer Osteoporose (Knochenschwund) klar kommen, sie leidet auch an zunehmender Demenz - wie viele ältere Menschen auch. Die Krankheit begann harmlos. „Sie hat immer häufiger einfache Dinge vergessen“, erinnert sich Willi Schärf an die Anfänge dieser heimtückischen Krankheit. Heute sind diese „Aussetzer“ massiver geworden. „Sie kann beispielsweise zig Male am Tag fragen, welches Datum wir heute haben“, schmunzelt Willi Schärf, räumt aber ein, dass dies ganz schön nervig werden kann. Schlimm sind Momente, wenn Erna ihre Geldbörse sucht. Oder zum wiederholten Male nachsieht, ob sie auch genügend Wechselgeld im Portemonnaie hat. „Ich brauche da unendlich viel Geduld“, gesteht ihr Ehemann. „Und ich darf sie nicht auf ihr Versagen hinweisen, denn dann kann sie sehr barsch reagieren.“ Seine Frau hört aufmerksam zu und gibt lachend zu: „Ich habe auch schon Türen zugeknallt.“ Dabei boxt sie ihm herzhaft aufs Knie.
Als Willi mal kurzzeitig raus wollte, sich entspannen und für fünf Tage mit seiner Schwester einen Kurzurlaub machte, da hat Erna im Pflegeheim, wo sie sich zur Kurzzeitpflege „eingemietet“ hatte, eine schlimme Panikattacke bekommen. Weil sie völlig desorientiert war, nicht mehr wusste, wo sie sich eigentlich befand. Und weil halt ihr Willi nicht da war. Der Anfall war so schlimm, dass die 83-Jährige sogar ins Klinikum musste. Dort haben sie die Ärzte auf den Kopf gestellt - aber nichts gefunden.
Erna und Willi Schärf, der selbst an Hautkrebs leidet, sie haben sich arrangiert. Beide packen mit großem Humor die täglichen Nickligkeiten ihres eingeschränkten Lebens an. Und, ganz wichtig: „Wir gehen ehrlich miteinander um. Wir reden über alles, verkriechen uns nicht“, berichtet Erna Schärf. Sie geht zweimal pro Woche in die Tagespflege beim ASB, dann hat Willi „frei“. Seniorentreffs im Gerd-Lauber-Haus, in der Volkshochschule, bei der AG 60 plus. „Diese Kontakte“, sagt Erna Schärf, „die brauche ich einfach.“
Pflegestützpunkte sind erste Anlaufstelle
Betreut werden die Schärfs von Caroline Reinschmidt. Sie ist Sozialarbeiterin und Pflegeberaterin. In den drei Wormser Pflegestützpunkten kümmert sie sich mit fünf Kolleginnen um Menschen wie die Schärfs. Die Fachfrauen helfen bei Pflegeeinstufungen, organisieren Betreuungsdienste, arrangieren Kurzzeitpflege und versuchen, für alle Lebenslagen eine Antwort zu finden. Vor Erna und Willi Schärf hat sie großen Respekt. „Sie haben sich früh mit allem auseinandergesetzt und vieles selbst geregelt. Das ist beileibe nicht die Regel. Vor allem, wenn Menschen alleinstehend sind und selbst mit ihrem Schicksal fertig werden müssen.“
