Kulturgut und Bombenschutz - Erinnerung an Tunnel unter dem jüdischen Friedhof
26.06.2010 - WORMS
Von Johannes Götzen
Er war über Jahrzehnte einfach in Vergessenheit geraten: Der Tunnel unter dem jüdischen Friedhof, der vor wenigen Tagen bei wissenschaftlichen Untersuchungen wieder entdeckt worden war (die WZ berichtete). Was dabei vermutet wurde, bestätigt sich jetzt: Der vermutlich bereits im Mittelalter angelegte Tunnel diente im Zweiten Weltkrieg als Schutzkeller. Herbert Neidlinger verbrachte hier als gerade einmal fünfjähriger Knabe mit der Mutter bange Stunden.
Eigentlich wohnte die Familie in der Eisbachstraße, doch die Tante lebte in einem Mehrfamilienhaus in der Bahnhofstraße, dort, wo heute der EWR-Parkplatz ist. Bei Fliegeralarm ging es meistens in den großen Luftschutzkeller unterm Haus „Mainzer Rad“ schräg gegenüber in der Andreasstraße, erinnert sich der heute 70-Jährige. Schon dessen Eingang sei vom jüdischen Friedhof aus zugänglich gewesen.
Von Lehmwänden beschützt
Einige Male allerdings sei er mit der Mutter vor den Bomben in den viel engeren unterirdischen Gang geflüchtet, um Schutz zu suchen. Höchstens 30 Menschen hätten darin Platz gefunden, sehr eng sei es gewesen. „Und es hat unglaublich muffig gerochen“, weiß Herbert Neidlinger noch wie heute. Sehr tief hinunter sei es gegangen, die Wände und Treppenstufen seien nach seiner Erinnerung aus dem Lehm geschnitten gewesen.
Herbert Neidlinger ging es wie vielen: Zwar habe er früher seiner Frau schon mal gesagt, dass da unten ein Gang sein muss – um ihn dann aber doch zu vergessen. Bis er jetzt wieder auftauchte.
Weltkulturerbe-Wunsch weckt Erinnerungen
Hintergrund sind wissenschaftliche Untersuchungen die derzeit laufen, um dem Bemühen gemeinsam mit Speyer und Mainz als Weltkutlurerbe anerkannt zu werden. Worms, Speyer und Mainz heißen nach den Anfangsbuchstaben ihrer hebräischen Namen „Schum-Städte“. Darüber hinaus soll nun noch ein Netzwerk deutscher Städte mit bedeutsamer jüdischer Geschichte aus dem Mittelalter entstehen. Noch in diesem Jahr solle dazu ein ein Vertrag zwischen den Schum-Städten und der thüringischen Stadt Erfurt unterzeichnet werden, informierte Oberbürgermeister Michael Kissel. „Wir sind der Überzeugung, dass sich noch weitere Städte unter diesem Dach vereinen werden“, so Kissel.
Jüdisches Kulturerbe vereint: Geburtsstätte der aschkenasischen religiösen Kultur
Im November letzten Jahres waren Vertreter der Schum-Städte nach Erfurt eingeladen, um sich über eine Zusammenarbeit im Bereich des jüdischen Kulturerbes zu unterhalten. Dort wurde schließlich in einer Arbeitsgruppe die Idee geboren, ein Netzwerk zu gründen. „Um die weitere Erforschung, Pflege und Bewahrung des mittelalterlichen jüdischen Erbes in Deutschland voranzutreiben und seine kulturelle Bedeutung bekannter zu machen, könnten sich Städte mit einem solchen Erbe enger vernetzen, um von Erfahrungen und Ideen zu profitieren und gleichzeitig die Aufmerksamkeit zu erhöhen“, so Kissel.
Die jüdischen Gemeinden Speyer, Worms und Mainz bildeten im 11. und 12. Jahrhundert die Schum-Städte. Aufgrund ihrer Bedeutung für die jüdischen Gemeinden in Zentraleuropa gelten sie als Geburtsstätte der aschkenasischen religiösen Kultur. Erfurt war im Mittelalter eine der größten Städte des Heiligen Römischen Reiches und ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum. In diesem Umfeld entwickelte sich eine der angesehensten mittelalterlich-jüdischen Gemeinden, deren Anfänge im späten 11. Jahrhundert liegen.
