Lebhafte Erinnerungen
11.06.2010 - WORMS
Von Ulrike Schäfer
RUNDGANG Holocaust-Überlebender Walter Gusdorf besucht Worms mit seinen Angehörigen
Was bewegt einen Mann wie Walter Gusdorf, wenn er mit seinen Söhnen und seinem Enkel in die alte Heimat kommt, und was zeigt er ihnen? Walter Gusdorf ist nicht irgendwer, er ist einer der wenigen Wormser Juden, die den Holocaust überlebt haben. Mit seinen Eltern und Brüdern konnte er noch rechtzeitig in die USA emigrieren. Jetzt war er zu einem Besuch in Worms.
Walters Vater Sigmund und dessen Bruder Hermann hatten in der Binger Straße 32 die „Wormser Möbelfabrik Gusdorf und Co“ - der dritte Bruder Jakob Paul meldete sich, beseelt von „glühender Vaterlandsliebe“, so die Wormser Volkszeitung, an die Front und fiel 1914 in Belgien. Das Unternehmen musste bereits kurz nach der „Machtergreifung“ der Nazis Konkurs anmelden.
Geschäft wurde in Reichspogromnacht zerstört
In der Reichskristallnacht wurde das Geschäft zerstört, die Möbel wurden zertrümmert oder gestohlen, die Inhaber nach Buchenwald verschleppt. Hermann, schwer asthmakrank, überlebte die Strapazen des Lagers nicht. Mutter und Tante zogen mit den Kindern bis zur Ausreise in die Schlossgasse 2, in das Haus Dr. Gernsheims, der sich mit seiner Frau das Leben genommen hatte.
„Gottseidank, dass die entsetzliche Zeit vorbei ist“, sagte der heute 83-Jährige beim Treffen mit Oberbürgermeister Michael Kissel. Ganz unbefangen erzählte er von früher. Die ganze Familie war ins gesellschaftliche Leben der Stadt eingebunden, man war aktives Mitglied in der Turngemeinde und im Alpenverein. „Wir Kinder wurden schon ganz früh zum Rad- und Skifahren angehalten. Mein Vater hat die Skier in seiner Fabrik selbst hergestellt“, berichtet Gusdorf. Auf den Fotos, die er mitgebracht hat, sieht man ihn, seinen Zwillingsbruder Hans und den ältesten Bruder Paul in der Wormser Skihütte im Schwarzwald. Und es gibt auch Bilder vom Urlaub in Höningen bei Altleinigen, auf denen auch der ein Jahr jüngere, aus Worms stammende Vladimir Kagan zu sehen ist, heute einer der berühmtesten Möbeldesigner der Gegenwart. „Den kannten wir natürlich gut.“ Umso tragischer war es, dass Hermann Gusdorf mit 40 weiteren jüdischen Mitgliedern schon früh vom Vorstand der TGW zum Austritt gedrängt worden war.
Es ist ein lebendiges Gespräch, Walter Gusdorf spricht Deutsch, verfällt aber immer wieder ins Englische. Enkel Nathan, der in Paris studiert, unterhält sich Französisch mit dem Warmaisa-Vorsitzenden Roland Graser, der die Gäste durch Worms führt.
Irgendwann wird Walter Gusdorf unruhig. Er will endlich zur Synagoge. Auf dem Synagogenplatz angekommen, wirkt er fast atemlos. Im Haus zur Sonne, dem ehemaligen (und heutigen) jüdischen Gemeindehaus, hat er seine Bar Mitzwa gefeiert. Ja, natürlich, Herta Mansbacher war seine Lehrerin. Hier hat sie ihn unterrichtet.
Erinnerungen an Lehrerin und die Synagoge
Und die Synagoge! „Stellt euch vor, die war völlig zerstört, und sie wurde Stein für Stein wieder aufgebaut. Wo ist der Knick in der Synagogenwand? Herr Graser, erzählen Sie meinen Söhnen, was es damit auf sich hat!“ Und dann erzählt er die Legende doch selbst, und Nathan muss sich in die Ausbuchtung stellen, die damals zurückwich, um das Leben einer schwangeren Frau zu retten. In der Synagoge wird jedes Detail fotografiert, selbst die Buchrücken der Bibliothek, und im Raschilehrhaus muss jedes Familienmitglied im Raschistuhl Platz nehmen. Mit leichter Enttäuschung vernimmt der Senior, dass der Anbau erst lange nach Raschis Aufenthalt in Worms entstand. „Und jetzt die Mikwe!“ drängt Walter Gusdorf seine Söhne und will schließlich auch noch ins Museum. Nein, eine gläubige Familie seien sie nicht gewesen, hat er noch vorhin leichthin gesagt, und doch ist hier ein fühlbar starkes Band…
Nach Worms, nach dem Besuch von Binger Straße, Dreihornmühlgasse und des Friedhofs geht es weiter nach Heidelberg und zu anderen Stätten, die Walter Gusdorfs Jugend prägten. Aber nirgendwo wird sein Herz so heftig schlagen wie in Worms.
