Von Martina Wirthwein
BIRNBAUM Besondere Sorte Seckel-Löb wächst jetzt im Erlebnisgarten
Bäume werden oft und an vielen Orten gepflanzt. Am Dienstagvormittag jedoch durfte Umweltdezernent Hans-Joachim Kosubek im Wormser Erlebnisgarten auf Initiative der Wormser Gästeführer (IWG) ein ganz besonderes Bäumchen in die Erde setzen: die sehr seltene und alte Birnensorte "Seckel-Löb". Namensgeber ist der einst in Michelstadt lebende Rabbiner Seckel-Löb-Wormser. Das Bäumchen fand seinen Weg nach Worms durch die im Jahr 2000 in Steinbach im Odenwald gegründete "Agenda-Gruppe Ortsbild", die es sich zum Ziel gesetzt hat, die Art zu erhalten.
Die Vermehrung glückte seinerzeit dank der Unterstützung der Mitglieder des Obst- und Gartenbauvereins Fränkisch-Grumbach im dortigen Musterschulobstgarten. Im November 2004 konnte man erstmals 20 Jungbäumchen an interessierte Personen ausgegeben. 2006 habe man die Aktion erneut gestartet, berichtete Birgit Klar, die den Jungbaum nach Worms mitgebracht hatte. Nicht nur bei der Agenda-Gruppe ist die Steinbacherin aktiv, sondern auch als Gästeführerin. Bei einem überregionalen Treffen kam sie in Kontakt mit den Kollegen aus der Nibelungenstadt und berichtete von diesem seltenen Baum. Die Wormser Gästeführer waren sich sofort einig: "Den holen wir nach Worms".
Die seltene Birnensorte wurde früher überwiegend zur Herstellung von Marmelade und zur Mostgewinnung verwendet. Nach der Ernte ist sie sehr hart; erst nach gut vier Wochen wird sie weich und sollte dann aber zeitnah verarbeitet werden.
Seckel-Löb-Wormser galt als extremer Vegetarier, er hatte für sich eine streng asketische und chassidische (jüdisch-religiöse) Lebensweise gewählt, erklärte Dr. Irene Spille vom Institut für Stadtgeschichte. Dadurch interessierte er sich sehr für den Obstbau, es gelang ihm nach langen Versuchen die Züchtung einer neuen Obstart, die an Geschmack und Haltbarkeit die alten übertraf. Um für einen orthodoxen Juden genießbar zu sein, muss die Birne unbedingt wurmfrei bleiben; eventuell besaß diese Birnenart genau diese Eigenschaften, mutmaßt man heute.
Der Rabbiner wurde zirka 1770 in Michelstadt als Sohn des jüdischen Tuchmachers Mattisjahu geboren. Da aber genaue Aufzeichnungen fehlen, ist eine genauere Datierung nicht möglich. Früh zeichnete er sich durch seine ungewöhnliche Körperkraft und Intelligenz aus. Bereits mit 18 Jahren schloss er seine Studien ab und gründete eine Talmudschule. Er lebte, unterbrochen durch einige Jahre in Mannheim, bis zu seinem Tod 1847 als amtlich bestellter Bezirksrabbiner in Michelstadt. Berühmt wurde er als "Baal Schem von Michelstadt", dem übernatürliche Kräfte und Wundertaten nachgesagt wurden.
