Von Ulrike Schäfer
HAUS ZUR SONNE Ehemaliges Gemeindehaus wird nun wieder genutzt / Konzert zur feierlichen Einweihung
Es war ein historischer Augenblick: das Haus zur Sonne, das bis 1942 jüdisches Gemeindehaus gewesen und Ende der 50er Jahre an die Stadt Worms verkauft worden war, weil es so ausgesehen hatte, als würde es nie wieder jüdisches Leben in Worms geben, erlebte am Sonntagabend eine neue freudige Inbesitznahme. Die Stadt hat die Räume im Parterre den Wormser Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Mainz zur Nutzung zur Verfügung gestellt. "Sie mussten viel Beharrlichkeit und Geduld aufbringen, bis es so weit war", sagte Bürgermeister Georg Büttler an die Adresse der Vorsitzenden, Stella Schindler-Siegreich. Es sei aber sehr schwierig gewesen, Ersatzräume zu schaffen. "Jetzt ist es aber so weit! Wir freuen uns sehr, dass die Gemeinde wächst!"
Beim Konzert, das der Einweihung der neuen Räume vorausging, wies Stella Schindler-Siegreich darauf hin, dass trotz Verfolgungen und mehrfacher Vertreibungen die blühende jüdische Gemeinde Worms über 900 Jahre kontinuierlich bestanden hatte, ehe die Schoa ihr ein schreckliches Ende gesetzt hatte. "Keiner der Juden, die heute hier leben, sind in Worms geboren, auch ihre Eltern nicht", sagte sie. "98 Prozent stammen aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Mit den neuen Räumen können sie nun hier heimisch werden." Das Leben an den authentischen Orten, die Beschäftigung mit der großen Geschichte des alten Warmaisa könne so vielleicht Teil ihrer Identität werden. "Es ist ein sehr bewegender Augenblick, dass nach 67 Jahren hier wieder eine lebendige Gemeinde zurückkehrt."
Bewegend war auch das Konzert mit Kantor Isaac Sheffer und Organistin Regina Yantian aus Berlin, das unter dem Titel "L´Dor wa Dor" (Von Generation zu Generation), diese Kontinuität zum Ausdruck brachte. Sheffer sang vor allem europäische und amerikanische Synagogalmusik des 20. Jahrhunderts und begeisterte dabei die vielen Menschen in der Synagoge nicht nur durch seine großartige Stimme, sondern auch durch die überwältigende Inbrunst seiner Darbietung. Bei den volksliedartigen Liedern des zweiten Teils summten und sangen viele mit, und auch der Chor der jüdischen Gemeinde vereinte sich mit der Stimme des Kantors.
Der eigentliche Einweihungsakt, an dem neben Bürgermeister Georg Büttler auch Dezernent Hans-Joachim Kosubek, die Dekane Harald Storch und Manfred Simon sowie die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Mannheim, Orna Marnhöfer, teilnahmen, erfolgte dann in den neuen hellen Räumen des Hauses zur Sonne. Von altersher wird an jeden Türpfosten eines jüdischen Hauses eine Mesusa, ein kleines Kästchen, angebracht, in dem sich eine Schriftrolle mit dem jüdischen Glaubensbekenntnis befindet, damit sich die Bewohner immer an ihre Beziehung zu ihrem Gott erinnern. Begleitet von einem wahren Blitzlichtgewitter, schraubte Rabbiner Avraham Nussbaum aus Wiesbaden die Mesusa fest und sang dazu die entsprechenden Segensworte. Ein ausgelassener Freudengesang folgte auf dem Fuß.
Proppenvoll war der Raum zu diesem Zeitpunkt. Kaum konnten sich die Gemeindemitglieder, die, in bunte Gewänder gekleidet, einige Sprüche Salomos in mehreren Sprachen vortrugen, Platz verschaffen.
Der Chor schwelgte in bekannten Liedern, es gab zu trinken und zu essen, und schließlich gab auch eine kleine Ausstellung über die Herkunftsländer der "neuen" Wormser Juden zu sehen.
