Von Claudia Wössner
Jugendliche leiden immer häufiger an Essstörungen. Rund 1,4 Millionen junge Menschen sind mittlerweile von den Symptomen betroffen. 56 Prozent der 13- bis 14-Jährigen wären gerne dünner. Für Caritas-Expertin Jutta Allgeier sind das alarmierende Zahlen. Ihre Fachstelle für frauenspezifische Suchtberatung will dem gefährlichen Trend jetzt mit einem Modellprojekt zur Prävention von Essstörungen entgegenwirken.
Am 8. Mai fällt der Startschuss für das Projekt „Wa(a)gemutig“. Zusammen mit der Landeszentrale für Gesundheitsförderung (LZG) organisiert die Caritas zwischen Mai und Juli Vorträge und Workshops mit ausgewiesenen Experten zu Essverhalten und Schönheitsidealen. Mit im Boot sitzen Ärzte, Schulen und die Suchtklinik Klingenmünster. Das Angebot richtet sich an 14- bis 20-Jährige, die Probleme mit ihrem Selbstwertgefühl haben. Ziel ist es, die Betroffenen „zu stärken und zu stabilisieren“, wie Jutta Allgeier erklärt.
Aus ihrer täglichen Arbeit weiß sie, wie wichtig Prävention ist. Denn wenn die Essfalle erst einmal zugeschnappt habe, werde es schwierig, aus dem Teufelskreis herauszukommen. „Viele denken, eine Behandlung ist leicht. Aber das ist es nicht. Es ist eine Lebensaufgabe“, betont Allgeier. So wie bei trockenen Alkoholikern sei die Rückfallgefahr nie ganz gebannt: „Die meisten haben ihr Leben lang Essstörungen.“ Ein Grund dafür ist auch laut der Expertin, dass das Essen den Erkrankten eine Art Machtgefühl ermöglicht: „Wenn mir alles wegschwimmt, habe ich immer noch Kontrolle über das Essen.“ Wenn Jutta Allgeier von den Mädchen bei ihr in der Therapie berichtet, ist die Erschütterung in ihrer Stimme hörbar. Sie erzählt von „ausgemergelten Geschöpfen“ mit „müden, erloschenen Augen“. Von jungen Frauen, die nach außen funktionieren und Präsenz zeigen, aber im Inneren teilnahmslos sind.
Von Teenagern und Erwachsenen, für die jedes Pfund mehr eine Katastrophe ist, die sich beim Wiegen Gewichte in die Socken stecken. „Am Anfang war ich den Tränen nahe“, erzählt Allgeier. „Hier wird Seelenarbeit geleistet.“ Im Alltag, so weiß die Suchtexpertin, gebe es eine ganze Bandbreite von Essstörungen. Noch vor dem Alkohol- und dem Medikamentenmissbrauch steht das krankhafte Essverhalten an erster Stelle bei den Problemen, die in der Caritas-Fachstelle behandelt werden - Tendenz steigend. „Diese Gruppe hat bei weitem den größten Anteil“, sagt Jutta Allgeier.
Nicht nur Mädchen erkranken an Essstörungen. Auch immer mehr junge Männer leiden verstärkt daran: „Die Tendenz geht auch dahin, für Jungs Angebote zu machen.“ Teenager beider Geschlechter versuchten, falschen Schönheitsidealen zu entsprechen - die Mädchen müssten aussehen wie „Püppchen“, die jungen Burschen sollten „muskulöse Kerle mit Dreitagebart“ sein.
Wenn sich die Gedanken nur noch ums Essen drehen, ist Jutta Allgeier gefragt. In der Regel müsse bei einem Body-Mass-Index von unter 18 geschaut werden, was los sei. Hauptursache für Essstörungen ist fast immer ein gestörtes Selbstwertgefühl. Deshalb will Allgeier jungen Menschen so früh wie möglich beibringen, dass man nicht abhängig sein muss von Idealen. „Prävention ist allemal besser als die Krankheit zu behandeln“, betont die Suchtexpertin.
