Wormser Jugendarrest: Neue türkischstämmige Mitarbeiterin Kurun setzt auf Einfühlsamkeit
22.11.2012 - WORMS
Von Roland Keth
Ein 16-jähriger Jugendlicher mit türkischen Wurzeln wird verurteilt, er muss für vier Wochen in der Jugendarrestanstalt (JAA) einsitzen. In seiner Akte stehen Dinge, die es einem kalt den Rücken runterlaufen lässt. Weil seine Schwester mit Ungläubigen im Internet chattete, schlug er auf die 18-Jährige brutal ein und verletzte sie schwer – körperlich und seelisch. Im Wiederholungsfall drohte er seiner Schwester, die ihn später anzeigte, die Finger abzuhacken.
Über die unglaubliche Wut, die enorme Aggressivität und Gewaltbereitschaft war auch Zöhre Kurun entsetzt. Aber getreu ihrem Grundsatz: „Wenn ein Mensch schon gefallen ist, muss man ihn nicht noch treten, sondern kann ihm auch erst einmal die Hand reichen“ ging die Justizangestellte auf den Jugendlichen zu. „Willst du reden?“, fragte sie den Schläger. Dann setzten sie sich an den kleinen Anstaltsteich. „Obwohl es warm war, hat er gefroren. Ich habe ihm eine Decke geholt. Dann hat er geweint“, berichtet die 47-Jährige.
Söhre Kurun neue "Spezialistin"
Diesem ersten Kontakt folgten in den nächsten vier Wochen noch viele Gespräche mit dem strenggläubigen, fast schon salafistisch orientierten Muslimen. Ehrenkodex, Rolle des Mannes in der Familie, Stellung von Mann und Frau im Koran – Zöhre Kurun brachte den jungen Gewalttäter dazu, sich Gedanken zu machen, wohin ihn sein Glaube geführt hat – nämlich direkt in die Kriminalität und ins Gefängnis. „Ob er sein Leben ändert, ob er künftig nicht mehr gleich zuschlägt, das weiß ich nicht. Aber ich denke schon, dass ich ihn erreicht und nachdenklich gemacht habe“, urteilt die 47-Jährige, die in der Türkei geboren ist, sich selbst von genau diesen Zwängen nach teilweise barbarischen, quälend langen und schmerzlichen Auseinandersetzungen befreien musste und deshalb genau weiß, wie türkisch-stämmige Migranten ticken.
„Und deshalb freuen wir uns sehr, dass wir Frau Kurun für unsere Arbeit gewinnen konnten“, lobt Anstaltsleiter Edgar Guleritsch seine „Neue“ im JAA-Team. „Denn eine solche Spezialistin hat uns bislang gefehlt.“ Dass Zöhre Kurun als gelernte Schneiderin und Büro-Kauffrau nicht vom Fach ist, hat ihn nicht gestört. Ihr biographischer „Background“, ihre Erfahrung im Umgang mit ganz unterschiedlichen Menschen als ehemalige Kundenberaterin im Media-Markt, ihre offene und doch sehr einfühlsame Art, das alles sind Dinge, die ihm viel wichtiger sind.
Glücklich über neuen Job
„Aber klar ist auch, Frau Kurun muss als Mitarbeiterin im allgemeinen Vollzugsdienst genauso ihren Job machen wie alle anderen auch. Wir werden sie jetzt ausbilden und auf Fortbildungen schicken. Wir setzen große Hoffnungen auf sie, aber Extra-Brötchen können wir keine backen“, betont Guleritsch. Und deshalb gehören Wochenend- und Nachtschichten genauso zu ihren Aufgaben wie Zellenkontrollen, Weckdienst oder Aufsicht beim Hofgang.
Dass da nicht immer Schmusekurs gefahren werden kann, das ist auch Zöhre Kurun vollkommen klar. „Und wenn es sein muss, wenn jemand weiter stiehlt und betrügt, kann ich auch hart und konsequent sein und jemanden einschließen“, versichert die 47-Jährige, die sich auch schon als Buchautorin eines autobiographischen Werkes („Ein Viertel des Lebens“) hervorgetan hat. Obwohl ihre 20-Stunden-Stelle alles andere als gut bezahlt ist, wie Guleritsch offen einräumt, ist Zöhre Kurun dennoch glücklich über ihren neuen Job: „Meine Kollegen haben mich prima aufgenommen. Ich kann mit Jugendlichen arbeiten und mich mit meinen Erfahrungen einbringen. Ich glaube, ich bin endlich angekommen, wo ich schon immer hinwollte.“

