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Wormser Zeitung

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Worms 

Eine eigene „Schul“ zum Beten

02.10.2012 - WORMS

Von Irene Spille

JUBILÄUM Die erste Frauensynagoge in Europa wurde vor 800 Jahren in Worms errichtet - als Anbau zur Männersynagoge

Das Eingangsportal auf der Nordseite, seit dem 17. Jahrhundert von einem Vorbau verdeckt, ist von besonderem baugeschichtlichem Interesse. Das Portal ist rundbogig, ohne Tympanon (Bogenfeld), und das Gewände ist durch eine reiche Profilierung mit Rundstäben und Kehlen bestimmt. Die romanische Grundform des Portals wird mit gotischer Eleganz verbunden.

Über dem Portal waren zwei Inschriften angebracht, die auf die Erbauung 1212/13 hinwiesen und darüber hinaus die Namen der Stifter, eines Ehepaares, preisgaben. Er, Meir bar (Sohn des) Joel, stammte aus priesterlichem Geschlecht, war ein Kohen. Auch war er (Gemeinde-)Vorsteher. Seine Ehefrau Judith (oder Jehudit) war eine fromme Frau und stammte aus einer äußerst wohlhabenden Familie, denn auch ihr Vater wird als Spender bezeichnet. Die Inschrift für Meir ist in Fragmenten im Jüdischen Museum im Raschi-Haus ausgestellt, die der Judith ist bei der Zerstörung der Synagoge in der NS-Zeit verloren gegangen. Weil der jüdische Jahreswechsel in der Regel in den September fällt, war der Baubeginn des Frauenbetraums frühestens im Herbst 1212. Die Fertigstellung kann erst 1213 erfolgt sein, weil wegen der verwendeten Materialien eine Winterbaustelle damals unmöglich war.

Bei der Bearbeitung der mittelalterlichen Grabsteininschriften auf dem alten jüdischen Friedhof durch das Salomon-Steinheim-Institut in Duisburg (Prof. Dr. Michael Brocke) kam es zu weiteren Erkenntnissen. Auf dem Friedhof gibt es tatsächlich einen Grabstein für Meir bar Joel, hochbetagt gestorben am 15. November 1224. Das besondere ist jedoch seine Form. Der oben rundbogig bearbeitete Sandsteinklotz ist auf der Vorderseite mit einem Wulst, einem Rundstab, versehen, der das tiefer liegende Schriftfeld umrahmt. Es ist die vereinfachte Wiedergabe des Portals der Frauensynagoge. Ohne zusätzliche Worte wurde durch diese Gestaltung seines Werkes gedacht. Unauffindbar blieb bislang der Grabstein seiner Ehefrau Judith.

Allzu viel haben die Frauen damals im Mittelalter vom Gottesdienst der Männer nicht mitbekommen, und gesehen haben sie überhaupt nichts. Eine Vorbeterin, eine besonders gelehrte Frau, hat den Anwesenden den Gottesdienst vermittelt. Tatsächlich ist nur wenige Meter vom Grab des Meir bar Joel entfernt der Grabstein der 1228 verstorbenen Malka, Tochter des Rabbi Chalafta, erhalten. Sie war Vorbeterin, vielleicht sogar die erste in der neuen Frauensynagoge. Das Stifterpaar Meir und Judith muss sie bestens gekannt haben. Somit sind die wichtigsten Personen für die Entstehung und Frühzeit der ersten Frauensynagoge in Europa bekannt und durch Gedenksteine präsent.

Wand 1842 durchbrochen

Die Verbindungstür zwischen Männersynagoge und Frauenschul wurde an Simchat Tora, dem Fest der Gesetzesfreunde, das im September / Oktober zum Abschluss des Laubhüttenfestes gefeiert wird, geöffnet. In Freudentänzen wurden die Torarollen durch die Synagoge getragen, auch durch die Frauensynagoge. Dann bestand der Brauch, dass ein Junge zu seiner Beschneidung am achten Tag seines Lebens von den Frauen durch die Frauensynagoge getragen und an der Tür dem Paten übergeben wurde. Die große Veränderung kam 1842, als man die Wand zur Männersynagoge mit dem Durchbruch zweier großer, spitzbogiger Öffnungen beseitigte und damit den heutigen Zustand herstellte. Die Frauen bleiben vorerst weiterhin in ihrer Synagoge, konnten aber jetzt dem Gottesdienst uneingeschränkt folgen. Seit der Wiedereinweihung der Synagoge 1961 fanden auch Gottesdienste statt, in denen Männer und Frauen in der Männersynagoge Platz nahmen.

Die jüdische Frau und Mutter war in der mittelalterlichen jüdischen Gesellschaft weitaus höher geachtet und respektiert als die christliche Frau in der ihren. Diese Frauen haben deutliche Spuren bis in unsere Zeit hinterlassen. Obwohl der Synagogenbesuch in den Grundlagen ihrer Religion nicht verankert war, war es in der Gesellschaft möglich, einen nahezu gleichwertigen Betraum für Frauen einzuführen. Dieser Schritt der Emanzipation erfolgte vor 800 Jahren in Worms, und exakt an dieser Stelle beten jüdische Frauen auch heute noch.

Die Autorin ist die Leiterin der Unteren Denkmalschutzbehörde der Stadt Worms.

Links ist eine Innenaufnahme der Frauensynagoge von Kurt Füller aus dem Jahr 1924 zu sehen, rechts eine aktuelle Ansicht. 	Fotos: Stadtarchiv, GDKE

Links ist eine Innenaufnahme der Frauensynagoge von Kurt Füller aus dem Jahr 1924 zu sehen, rechts eine aktuelle Ansicht. Fotos: Stadtarchiv, GDKEVergrößern

VERÄNDERUNGEN
Die Frauensynagoge erlebte zahlreiche Veränderungen.

1349 und 1615 wurde sie im Zuge von Pogromen beschädigt und im Stil der jeweiligen Zeit wiederhergestellt, ebenso im Pfälzischen Erbfolgekrieg 1689.

Durchgreifend war die Modernisierung durch die Gemeinde 1842.

In der Pogromnacht 1938 brannte sie aus und wurde anschließend niedergelegt. Doch schon zu Ende der 1950er Jahre wurde der Wiederaufbau beschlossen und im Dezember 1961 erfolgte die Wiedereinweihung.

Der Wiederaufbau erfolgte auf den historischen Fundamenten, unter teilweiser Verwendung des vorhandenen Materials, eng an den Zustand des Gebäudes im frühen 20. Jh. angelehnt. Das Nordportal von 1212/13 konnte komplett aus den Trümmern geborgen und wieder eingebaut werden.

Auf eine feste Bestuhlung im Innenraum wurde verzichtet. Heute dient die Frauensynagoge auch als Gedenkstätte der Wormser jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. Die Namen aller während der Shoah Ermordeten sind auf drei bronzenen Gedenktafeln an der Ostwand verewigt.

MYTHOS

In der Wand der Ostfassade ist eine flache Nische aus der Bauzeit zu finden, wohl eine Brunnennische. Hierzu existiert eine schöne Legende, die im Wunder-Buch des Juspa Schammes aufgeschrieben ist.

Die Mutter des großen Gelehrten Rabbi Jehuda he chassid ging, als sie mit ihm schwanger war, durch die enge Gasse; gleichzeitig kam auch ein Pferdegespann entgegen. In ihrer Angst drückte sich die werdende Mutter an die Wand der Frauensynagoge, diese gab durch ein Wunder nach, und die Frau und das Ungeborene blieben unversehrt. Geblieben ist die Wandnische.

Rabbi Jehuda he chassid ist aber schon 1217 gestorben, das passt also nicht so ganz. Die neue Legendenbildung will deshalb wissen, dass es sich um die Mutter des großen Raschi (Rabbi Salomon ben Isaak) gehandelt haben soll, der bereits 1040 in Troyes (Frankreich) geboren wurde.

VORTRAG

Unter dem Titel „Raschis Töchter - gelehrte jüdische Frauen im mittelalterlichen Aschkenas“ wird die angesehene Frankfurter Rabbinerin Elisa Klapheck am Donnerstag, 4. Oktober, 20 Uhr, auf gemeinsame Einladung des Jüdischen Museums Worms und des Vereins Warmaisa einen Vortrag an dieser Stätte halten. Elisa Klapheck ist als profilierte liberale Rabbinerin und führender Kopf der jüdischen Erneuerungsbewegung seit den 90er Jahren neben ihrer religiösen Tätigkeit immer wieder auch durch Kommentare und Publikationen hervorgetreten; sie hat sich nicht zuletzt mit den ersten Rabbinerinnen und Aspekten weiblicher jüdischer Religiosität befasst. Der Eintritt zu dem Vortrag ist frei.

Ebenfalls aus Anlass des Jubiläums wird dann am Montag, 10. Dezember, das bekannte Ensemble Jalda Rebling in der Synagoge gastieren. Das Programm „Eschet Chajil“ erzählt Geschichten jüdischer Frauen aus unterschiedlichen Zeiten und beschreibt ein unerwartetes Bild: gelehrte Frauen, Händlerinnen, Ärztinnen und andere. Dazu gibt es hinreißende Musik aus dem Mittelalter.
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