Wormser Shanty-Chor feiert 40-jähriges Bestehen
17.02.2012 - WORMS
Von Margit Knab
„Ik hev mol een Hamburger Viermaster sehn, to my how day“ singen Männer im gestandenen Alter und träumen sich ein bisschen in Richtung Waterkant, vielleicht auch auf die Planken eines Segelschiffes. Die Wirklichkeit ist eine andere: Im tiefsten Binnenland, aufgereiht im gemütlichen Raum der Marinegemeinschaft in der Rheinstraße, und nur einen Blick weit vom Rhein entfernt, singt ein Männerchor Shanties und Seemannslieder.
Uwe Schäfer dirigiert den Chor, dem es große Freude bereitet, Wind und Wellen und dem harten Matrosenleben musikalisch nach zu stimmen. Der einzige unter den Sängern, der als Kapitän auf großer Fahrt jahrzehntelang auf allen Weltmeeren zuhause war, ist seit Januar dieses Jahres auch ihr erster Vorsitzender. Heiko Gerdes, geborener Ostfriese, fuhr 40 Jahre für die Handelsmarine, lebt seit 29 Jahren in Worms und holt sich mit dem Shantygesang ein Stückchen Heimat in die beschauliche Nibelungenstadt.
Jeden Mittwochabend trifft er sich mit seinen Vereinskameraden vom „Shanty-Chor Worms 1972“ und dann wird geübt. Rund 50 Lieder hat der Chor in seinem Repertoire, fein säuberlich getrennt nach Shanties und Seemannsliedern. Shanties, so erzählt der Kapitän a.D. voller Begeisterung, sind Arbeitslieder der Schiffsmannschaft, zu deren Rhythmus im Team Segel gehisst oder Anker aus dem Grund gezogen wurden.
Lieber Shantys als Seemannslieder
Damals wie heute durfte die musikalische Begleitung mit einer Fidel oder einem Schifferklavier dabei nicht fehlen. „Natürlich, auch Seemannslieder singt der Chor gern, so à la Freddy Quinn, etwas für das Gemüt“, räumt er ein und kräuselt dabei den Nasenrücken. „La Paloma“ ist nicht so nach seinem Geschmack. Ursprüngliche Shanties in Plattdeutsch oder Englisch, dahin steht sein Sinn - aber nicht unbedingt der seiner Mitsänger. „Weil die meisten von ihnen kein Englisch, geschweige den Plattdeutsch können und somit auch die Texte nicht verstehen“ erklärt er.
Seemannslieder hingegen sind prinzipiell in Hochdeutsch verfasst, viele alte Shanties mittlerweile auch aber „eingedeutscht“. Das kommt nicht nur seinen Vereinsmitgliedern entgegen, sondern auch den Zuhörern bei den Bühnenauftritten. Zwischen zehn und 15 Konzerte gibt der Chor im Jahr. In edlem blauen Tuch gewandet, ohne Dienstgradbezeichnung, aber mit dem Wappen des Shanty-Chores auf dem Jackett und dem Emblem der Deutschen Marinekameradschaft auf der Hemdentasche, machen die Männer einen hervorragenden Eindruck.
Die Uniform musste sich jedes Mitglied selbst kaufen und dabei recht tief in die Geldbörse greifen. „Unser Verein hat nur wenig finanziellen Spielraum“, erzählt Heiko Gerdes. Das verwundert nicht, wenn man weiß, dass die meisten Auftritte des Shanty-Chores in Altenheimen und Seniorenresidenzen sind. Hier haben sie ihre begeisterten Fans, die fröhlich mitschunkeln, wenn sie „von der Nordseeküste“ singen und hier verzichten sie auf Gage.
Gesang nur mit musikalischer Begleitung
Heiko Gerdes freut sich schon jetzt auf das 40-jährige Bestehen des Vereins, das mit einem großen Freundschaftssingen im Oktober dieses Jahres gefeiert wird. „Shanties werden dann im Mittelpunkt der Veranstaltung stehen“. Der Freude auf dieses Zusammentreffen Gleichgesinnter stehen aber auch große Sorgen gegenüber. Der Nachwuchs fehlt.
Auch musikalische Begleitung wird benötigt, „ohne die ein Shanty nicht komplett ist“. Der Chor, der aus der Marinekameradschaft hervorgegangen ist, befindet sich damit auf der gleichen Sorgenebene wie die heimischen Männer- und Frauenchöre. Vielleicht sei ihre Situation noch etwas angespannter, meint Heiko Gerdes. „Wer will als Binnenländler schon plattdeutsche Lieder von der Waterkant singen?“

