Pferd schlägt Läufer
02.04.2011 - WORMS
Von Ulrike Schäfer
THEATER Schauspiel-Fassung von Zweigs „Schachnovelle“ / Produktion der Konzertbühne Landgraf
Das Schachspiel ist Inbegriff für die konzentrierte Interaktion zweier Menschen mit dem Ziel, sich gegenseitig durch kluges Taktieren auszuschalten und den Sieg davon zu tragen. Mit sich selbst Schach zu spielen, ist deshalb paradox.
Der Advokat Dr. Bertram aus Wien erlebt und durchleidet in Stefan Zweigs viel gelesener „Schachnovelle“ gerade diese Widersinnigkeit. Von den Nazis verdächtigt, für die Habsburgerfamilie Besitz ins Ausland transferiert zu haben, wird er über Monate in ein Hotelzimmer eingesperrt. Allein in seinen vier Wänden, mit nichts als einem Bett, einem Tisch, einem Waschbecken, ohne jegliche Ansprache, beginnt er Gedichte und Dramen zu repetieren, um seine Zeit zu strukturieren und seine Widerstandskraft zu stählen, denn seine Peiniger haben nichts anderes im Sinn, als ihn weich zu machen, um ihm Geständnisse zu entlocken. Schließlich gelingt es Bertram, ein Buch mit den 150 berühmtesten historischen Schachspielen zu ergattern, und nach anfänglicher Enttäuschung, studiert er das Werk, spielt die Partien mit kümmerlichen Mitteln nach, bis er es völlig verinnerlicht hat. Als ihm das Buch abgenommen wird, ist er gezwungen, gegen sich selbst zu spielen, sich also gleichzeitig zu täuschen und zu überlisten, sich quasi zu spalten in Schwarz und Weiß. Es ist seine Rettung, aber auch sein Fluch, wie sich zeigen wird. Diese Geschichte, die das ganze Ausmaß einer Isolationshaft deutlich macht, zeigt, wie lebenswichtig Austausch mit einem lebendigen Gegenüber ist, ist in eine Rahmenhandlung verwoben.
Showdown auf dem Reisedampfer
Bertram stößt bei einer Schiffsreise auf eine Gruppe von Passagieren, die sich vorgenommen haben, den jungen arroganten Schachweltmeister, der ebenfalls an Bord ist, aus seiner Reserve zu locken. Das gelingt erst mit Hilfe des Anwalts, und nun bittet man ihn, gegen Czentovic anzutreten.
Dabei lüftet Bertram das schreckliche Geheimnis seiner ungewöhnlichen Schachkenntnisse. Das mit Spannung erwartete Spiel erweist sich dann als Fiasko. Gewohnt, mit sich allein zu spielen und jeden Zug im Voraus zu kennen, hat Bertram verlernt, sich auf andere einzulassen….
Die preisgekrönte Bühnenfassung der Novelle (Helmut Peschina), eine Produktion der Konzertbühne Landgraf, die am Donnerstag im Theater zu sehen war, ist trotz kleiner Längen spannungsreich dramatisiert, die Inszenierung solide und packend aufgemacht. Es gibt ein einziges Bild, das Schiff mit Oberdeck und Gesellschaftssalon, das sich durch entsprechende Beleuchtung in die Zelle Bertrams verwandelt. Regisseur Frank Matthus lässt seine Schauspieler (Jörg Walter, Judith Steinhäuser, Daniel Pietzuch, Walter Holub, Andreas Klein, Hermann Höcker, Hans Machowiak und Hermann Höcker) lebendig, zum Teil auch recht komisch agieren, doch legt er sein Hauptaugenmerk auf die Figur Dr. Bertrams. Gerd Silberbauer spielt die furchtbare psychische Belastung des Advokaten mit glaubhafter Intensität. Seine Verzweiflung in der Zelle, als er den reglosen Nazibewacher zum Reagieren bringen will, seine Verzweiflung bis hin zur Raserei, als ihm dies nicht gelingt, seine zitternde Gier, als er die Schachspieler beobachtet und eingreifen möchte, der unbändige Wunsch, auf einem richtigen Spielbrett gegen einen lebendigen Menschen anzutreten, und schließlich das Unvermögen, sich auf ihn einzustellen - das alles führt Silberbauer meisterlich vor. Das Publikum, darunter einige Schulklassen, spendete ihm dafür stehend Applaus.
