Von Yasmin Hameed
SCHAURAUM Bettina Rothenheber
und Lars Gölz stellen "Lost tales" aus
Die dunkle, verborgene Seite der menschlichen Seele ans Licht bringen zu wollen, das klingt nicht wenig nach einem psychotherapeutischen Mammutprojekt. Bettina Rothenheber und Lars Gölz haben den Versuch trotzdem gewagt - und statt auf Hypnose und Gesprächstherapie dabei konsequent auf den Enthüllungsfaktor Kunst gesetzt.
"Lost tales" heißt dazu ihre aktuelle Ausstellung in der Galerie Schauraum, mit der sie nicht nur verschollene Sagen und Mythen ins Bild bringen, sondern zugleich auch mannigfache seelische Abgründe inszenieren.
Dass Bettina Rothenheber als Fotokünstlerin und Lars Gölz als Maler die von ihnen angewandten, unterschiedlichen Techniken nun in einem gemeinsamen Kunstprojekt zusammengeführt haben, lag nahe. Weniger wohl, weil die beiden auch privat ein Paar sind, als aufgrund ihrer ähnlichen thematischen Ausrichtung.
Augenfällig zählt dazu das gemeinsame künstlerische Interesse an der schwarzen Romantik, wie sie gegen Ende des 18. Jahrhunderts zur Blüte kam: Diese Vorliebe fürs Dunkle, Schaurige, Dämonische, für exzessive Leidenschaft und groteske Überzeichnung ist den Arbeiten von Bettina Rothenheber und Lars Gölz gleichermaßen eigen.
Die Unterschiede in der Herangehensweise und Umsetzung sind dennoch nicht zu übersehen: Rothenhebers Arbeiten sind aufwändige Fotokollagen, die geschickt verfremdet und symbolisch aufgeladen sind. Ihr "Fleischfresser", ein haariges, weit aufgerissenes Maul, mag nur ein Beispiel dafür sein, wie wortspielerisch dabei auch die Bildtitel den Betrachter auf neue, übertragene Interpretationsfährten führen. Zu diesen eher surrealistischen Bildkompositionen, die einen Begriff beim Wort nehmen, zählt auch die gelungene Darstellung des "Kopfkinos": Eine Frau, der alptraumhaft aus Mund und Augen Teile eines alten Videoprojektors ragen und die dieser Inbesitznahme ihres Körpers hilflos ausgeliefert scheint. Dass aber auch Rothenheber sich den literarischen Vorbildern der Schwarzromantik, wie Mary Shelley, die Urheberin des Frankensteinromans, Dracula-Erfinder Bram Stoker oder Lord Byron verpflichtet sieht, zeigt sich spätestens bei den wiederkehrenden Vampirmotiven, phantastisch anmutenden, gehörnten Nachtgestalten oder dem Motiv eines aus dem Wasser steigenden Sensenmannes.
Hier knüpft zugleich auch inhaltlich eine der Arbeiten von Lars Gölz in der Ausstellung an: Denn Gölz setzt, so sagt er selbst, häufig literarische Szenen in seinen Bildern um. Der Vampirismus hat es ihm dabei besonders angetan: Leidenschaft, Erotik und Hingabe, all das schwinge in den Schauergeschichten um blutdürstige Vampirgestalten mit. Dabei sind es geradezu klassische Arrangements, die er mit seinen Zeichnungen und Malereien zeigt: Der "Vampirkuss" als Biss in den Hals einer jungen Frau oder der gleichsam hingebungsvolle und gefährliche "Tanz mit dem Vampir". Er wolle die Menschen inszenieren wie im Theater, erklärt er, und so üben seine Figuren in prachtvollen Kostümen die große Pose.
Die dazu passende musikalische Untermalung hatte sich das in Lorsch lebende Künstlerpaar zur Ausstellungseröffnung mit Dominic Hein und seinem an Depeche Mode erinnernden Elektrosound in den Schauraum geholt.
