Von Claudia Wößner
So fühlt es sich also an, wenn man einen Abend mit Patricia Kelly verbracht hat. Man hat zur Ruhe gefunden, die Gelassenheit entdeckt. Den Körper durchfließt ein wohliges Gefühl. Die Zuschauer toben noch. Auch als ein eingefleischter Nicht-Fan der “Kelly Family“, der jahrelang nicht mehr als Spott für diese Band-Familie mit den Zottelmähnen übrig hatte, muss man sich, Hand aufs Herz, eingestehen: Es war ein toller Abend.
Vor vollem Haus hat es im Lincoln-Theater geknistert. Mit ihrer unglaublich sanften Stimme hat die 39-jährige Patricia Kelly ihr Publikum verzaubert. Es ist eine angenehme, fast intime Atmosphäre. Ein wenig wie am Kaminfeuer. Da steht eine Frau, die als Mitglied der „Kelly Family“ in ihrem Leben schon viele Auf und Abs mitgemacht hat - und die jetzt ganz offen alle an ihrem Glück und Unglück teilhaben lässt. Sie hat eine Geschichte, und die will sie rüberbringen.
“Ich möchte Euch heute Abend auf eine Reise mitnehmen“, haucht die Sängerin ins Mikro. “Es gibt so viel zu erzählen“. Es ist ein Kelly-Nostalgie-Trip in die Vergangenheit. Der ganze Saal atmet eine Weißt-du-noch-damals-Stimmung.
Auch wenn Patricia Kelly nur von Gitarrist Ralph Herrnkind begleitet wird, ist sie nicht allein. Irgendwie hat man doch das Gefühl, als ob die ganze Family auf der Bühne steht. Für die 39-Jährige scheint das aber keine schwere Bürde zu sein. Sie kokettiert ja auch gerne mit ihrem Erbe. Zum Beispiel sagt sie über Bruder Paddy, früher ein Mädchenschwarm und heute Mönch in einem französischen Kloster: “Mädels, nicht, dass ihr denkt, dass Paddy noch mal zurückkommt“ Ihr Programm (“Essential“) hat sie auf das Wesentliche reduziert. Gitarren, Trommel und Harfe sind alles, was Patricia Kelly „unplugged“ braucht.
Ansonsten begleitet sie noch Ralph Herrnkind aus Bergisch Gladbach mit der Gitarre. Herrnkind ist ein leiser Vertreter, ein unscheinbarer Adlatus vom Format “Harry, hol` schon mal den Wagen“. Doch er passt exzellent zu Patricia Kelly. Die beiden geben ein authentisches Duo ab. Und sie liefern Musik, die ans Herz geht. Chanson, Folk, Country - Kelly und Herrnkind treffen immer den Puls der Kelly-Fans. Eigene Kompositionen - darunter etliche mit religiösem Touch - gehören genauso zum umfangreichen Repertoire wie traditionelle Folk-Stücke oder spanische Flamenco-Musik. Zur allgemeinen Begeisterung des Publikums wurde auch einigen der alten Kelly-Hits neues Leben eingehaucht.
Patricia Kelly skizziert von den Anfängen bis zu den ganz großen Erfolgen Mitte der Neunziger alle Stationen auf dem Weg ins Pop-Business nach - die 39-Jährige singt ihre Lebensgeschichte. Auch das wahrscheinlich traurigste Kapitel in ihrem Leben lässt sie nicht außen vor. Den Krebs-Tod der Mutter. “Für mich war Mama die wahre Heldin. Es ging sehr schnell, innerhalb eine Jahres ist sie fortgegangen.“ Das Publikum fühlt mit, man hört ein paar Schluchzer. Bei Patricia Kelly wirkt nichts aufgesetzt. Am Ende des Abends glaubt man, dass man die Sängerin schon ewig kennt.
Kelly hat eine treue Anhängerschaft in Worms. Schon mehr als zwei Stunden vor Konzertbeginn haben die ersten angestanden. Der durchschnittliche Kelly-Fan ist an diesem Abend weiblich und in den besten Jahren. Fast jeder im Saal scheint seine eigene Knipse dabei zu haben. Vom Anfang bis zum Schluss hält das Blitzlichtgewitter an. Jeder Song wird von tosenden Beifallsstürmen begleitet. Der Bund mit den Fans ist besiegelt.
Auf immer und ewig? “Wir kommen definitiv wieder, glaubt es mir“, sagt Patricia Kelly. Die Wormser Kelly-Family wünscht sich nichts sehnlicher als das. Immerhin musste sie lange warten. Das letzte Mal war ein Kelly 1994 in der Nibelungenstadt.
