Von Susanne Müller
Jungtiere herzlos in Container "entsorgt" / Nach Odyssee in Recycling-Unternehmen entdeckt
"Herr und Frau Becker" schnurren und genießen ihr Leben. Kaum vorstellbar, denn die Kätzchen wurden in einer Halde Plastikmüll gefunden - kurz vor dem sicheren Tod im Schredder.
"Von ihren sprichwörtlichen sieben Leben haben sie schon mindestens zwei aufgebraucht", sagte Raimund Klotzsch, Assistent der Geschäftsführung bei WKR. Die gerade mal drei Wochen alten Jungkatzen hatten wahrlich Glück. Denn bei WKR, einer hundertprozentigen Tochter des Recycling-Unternehmens Becker im Industriegebiet am Entenpfuhl, bewies ein Mitarbeiter Ende Mai, dass er gute Ohren hat. Er hatte unter all den Geräuschen in der Verarbeitungshalle das klägliche Fiepen aus der Müllhalde vor dem Band herausgehört, das den Plastikabfall in Richtung Schredder befördert. Der Tierfreund aus Flörsheim-Dalsheim fischte aus dem Berg mit Kanistern, Eimern und Shampooflaschen die beiden pechschwarzen Schnurrer. "Er hat für die Tiere zunächst einen Korb besorgt und ihnen Wasser geben", erklärte Raimund Klotzsch. "Am Morgen nahm dann eine unserer Reinigungskräfte die Katzenbabys mit." Und Klotzsch schildert den Weg, den die beiden Kätzchen hinter sich hatten: "Der Plastikmüll, in dem sie bei uns ankamen, stammte aus Schifferstadt" - und von dort aus einer 40 Kubikmeter fassenden Mulde, in die unzählige Lastwagen den in der Umgebung gesammelten Plastikabfall kippen. Aus der vollen Mulde werden die Plastikabfälle von einem Bagger herausgeschaufelt und auf Lastwagen verladen. "Und damit viel draufpasst, tritt hier sogar eine Presse in Aktion." Dann heißt es für den Recycling-Rohstoff ab nach Worms - und dieses Mal waren auf dem Lastwagen auch die beiden kleinen Kätzchen. Im Industriegebiet kippten die Brummis ihre Fracht vor die Werkstore. Die riesigen Berge werden hier ebenfalls mit Staplern abgetragen und auf die Bänder vor die Schredder gekippt. Hier wurden sie dann zum Glück entdeckt, die beiden Katzenbabys, die inzwischen "Herr und Frau Becker" heißen. Waltraud Phul, die Vorsitzende des Vereins "Menschen helfen Tieren", hat die tierischen Glückskinder so genannt. Ihr waren sie schließlich übergeben worden, von der Tierärztin, wohin sie die WKR-Reinigungskraft gebracht hatte. "Die Kleinen waren gesund und hatten die Strapazen gut überstanden", freute sich die Tierschützerin - dennoch mussten die Kleinen seit Ende Mai noch gehörig "gepäppelt" werden. Die Katzenkinder seien zahm und keinesfalls "wilde Katzen", so Phul: "Es hat sie also jemand einfach herzlos entsorgt, sie stammen nicht von einer frei lebenden Katze." Wer "Herrn Becker" oder auch "Frau Becker" oder sogar beide zusammen zu sich holen möchte, kann sich bei Waltraud Phul unter Telefon (06241) 54490 melden - aber erst in etwa drei Wochen. "Dann sind die Kleinen groß genug", so die Tierschützerin.
