INTERVIEW Zukunftsforscher ist Referent in Offstein
Im Offsteiner Weingut Keth fand eine Fachtag zur Zukunft der Energie statt, veranstaltet von "cormeta ag", einem Softwarehaus aus Ettlingen. Dabei referierte der Zukunftsforscher Frank Thomsen über den Energiemarkt von morgen - ohne Kernkraftwerke und Öl, aber mit "intelligenten Netzen" und Elektroautos. Die WZ sprach mit dem Unternehmensberater.
Wenn Sie in die Zukunft blicken, sprechen Sie von mehr Transparenz für die Kunden und mehr Chancen für die Versorgungsunternehmen.
Es wird einfach anders. Wir werden mehrere kleine Versorgungssysteme haben, die interagieren. Steht zum Beispiel der Sonnenstand günstig, läuft sofort die Spülmaschine. Energieressourcen, die man vor Ort zur Verfügung hat, werden eingespeist. Das nennt man "smart grid": ein intelligentes lokales Versorgungssystem, das ähnlich aufgebaut sein wird wie das Internet. Diese Netze werden wir aus reiner Notwendigkeit haben: Weg von verschwenderischen Großkraftwerken zu vernetzten Systemen, die homogener sind und insgesamt weniger Energie verbrauchen. Wir müssen Energien besser managen, weil wir weniger Energie zur Verfügung haben werden. Eine Solaranlage kann nicht so viel produzieren wie ein Kernkraftwerk.
Sollte der Atom-Ausstieg also rückgängig gemacht werden?
Nein, ich bin mittlerweile richtig dagegen, dass man ein neues Kraftwerk baut. Letztendlich verschieben wir die Probleme, die wir mit der Kernkraft haben, immer auf die nächsten Generationen. Kernkraft ist eine Technologie, die wir langfristig nicht mehr brauchen. Allerdings haben die Energieversorger ein vitales Interesse, dass die Atomkraftwerke noch lange laufen. Jeder Tag, an dem die Kraftwerke abbezahlt sind, ergibt ein Plus.
Setzt bei den Energieversorgern ein Umdenken ein?
Es wird schwieriger, fossile Ressourcen aus dem Boden herauszuholen. Der Aufwand, um Energie zu beschaffen, wird immer teurer. Diese Kosten müssen die Energieversorger an die Kunden weitergeben. Das werden die aber nicht mitmachen und sich lieber eine Solaranlage aufs Dach passen. Ab einem bestimmten Zeitpunkt werden die großen Energieversorger sagen: Es lohnt sich nicht mehr, in diesem alten Schema weiterzumachen. Da wird es ein "Shift" geben. Wir wurden zu Energiejunkies, weil Energie so billig und einfach verfügbar war. Das wird sich ändern.
Welche Rolle spielt dabei die Politik? Muss sie den Prozess steuern?
Die Politik muss mithelfen. Aber die Menschen werden von allein umdenken. Wenn es schwieriger wird, die Butter aufs Brot zu streichen, nehmen wir lieber Margarine oder holen uns eine andere Lösung. Es wird über den Preisdruck funktionieren.
Was halten Sie von der Abwrackprämie?
Ich fand es sehr schade, dass so viele Milliarden in eine alte Technologie gepumpt wurden. Die Abwrackprämie hätte man anders gestalten können. Tatsächlich war sie ja als Umweltprämie gedacht. Man hätte damit die Umwelttechnologie mehr anschieben können. Deutschland ist ein Autoland, wir hatten eine sehr große Absatzflaute - eine bestimmte Kurzfristigkeit kann ich da verstehen, nur in der Dimension fand ich das befremdlich.
Und das Glühbirnenverbot?
Da bin ich gespaltener Ansicht. Einerseits ist das Verbot richtig, wenn man sagt, dass es eine so veraltete Technik sei. Da muss man einen Riegel vorschieben. Die Industrie wird sich nicht freiwillig dazu durchringen, die 100-Watt-Birnen für zehn Euro auf den Markt zu bringen. Andererseits bin ich generell gegen drakonische Maßnahmen der Politik. Aber in dem Falle ist es okay. Not macht erfinderisch, wenn die Industrie gezwungen wird.
Wird die deutsche Automobilindustrie gerüstet sein für die Zukunft?
Da sind wir schon sehr weit, was Elektromobilität angeht. Die Autokonzerne sagen immer, sie würden nichts tun. Aber unter der Radaroberfläche läuft sehr viel. Spätestens ab dem übernächsten Jahr wird das Benzin so teuer werden, dass es schmerzt. Daran wird sich nichts mehr ändern, weil die Ölförderung immer teurer wird. Und wenn Benzin so teuer wird, werden die Menschen sagen: Gib mir was anderes. Dann werden sehr viele Anbieter bereit stehen. Wir werden viele neue Marken erleben, vor allem aus Fernost.
Das Gespräch führte
Claudia Wößner
