Von Jockel Kohlmann
SAMMLER Gerd Clemens nennt 3200 verschiedene Spucktüten sein Eigen
Kaum hat er in einem Flugzeug Platz genommen, geht sein erster Griff immer zur Spucktüte. Das liegt allerdings keineswegs daran, dass Gerd Clemens aus Hamm unter Reiseübelkeit leidet. Nein - der 62-Jährige sammelt Spucktüten oder, wie sie international besser bekannt sind: "Air-Sickness-Bags".
Der Geschäftsführer eines Chemieunternehmens aus der Nähe von Stuttgart ist seit über 25 Jahren mit dem Flugzeug rund um den Globus unterwegs. Clemens hat nachgerechnet und kommt auf über 1,2 Millionen Flugkilometer, die er in den zweieinhalb Jahrzehnten bei über 780 Flügen zurückgelegt hat. Bei durchschnittlich zwölf Flügen im Jahr kommt er auf rund 60000 Flugkilometer. Inzwischen weist seine Sammlung über 3200 verschiedene Tüten von 860 Fluglinien auf. Die hat er fein säuberlich in über 50 Ordnern sortiert und mit Prospektinfomationen über die einzelnen Fluggesellschaften bereichert.
Eher aus Langeweile hatte Gerd Clemens bei einem seiner ersten Flüge eine solche Spucktüte mitgenommen, weil ihm das Design gefallen hatte. Daraus entwickelte sich sehr schnell eine Sammelleidenschaft. Während es überwiegend in Südamerika die Tüten aus Kunststoff gibt, vertrauen alle anderen Fluggesellschaften auf Tüten aus Papier. Die Varianten der Tüten sind durchaus unterschiedlich, mal mit, mal ohne Klebebändchen oder auch mit Klippverschlüssen oder Zuziehbändchen. Richtig Spaß macht ihm dagegen, was deutsche Fluglinien ihren Passagieren gegen Reiseübelkeit bereitstellen. "Da sind ganze Grafikbüros richtig kreativ", weiß Clemens und zeigt eine neongelbe Tüte mit dem Spruch: "Brechen Sie mit der Konkurrenz, fliegen Sie mit uns." Auf einer weiteren Tüte prangt dagegen die Aufschrift: "Alles muss raus".
In seiner Sammlung datieren die ältesten aus den 1950er Jahren. Sehr viele der Tüten haben inzwischen tatsächlichen Sammlerwert, weil es bestimmte Fluglinien wie "Pan Am" oder "Interflug" der ehemaligen DDR nicht mehr gibt. Inzwischen hat sich eine den Globus umspannende Sammlerbörse über das Internet entwickelt. Clemens hat mit seiner Sammlung im internationalen Vergleich dabei den fünften Platz eingenommen. Auf Rang eins steht ein Sammler aus Holland mit über 6000 Spucktüten, damit hat er sich den ersten Platz im Guinness-Buch der Rekorde gesichert.
Über das Internet funktioniert auch die Tauschbörse, an der sich Gerd Clemens ebenfalls beteiligt. So hat er gerade erst für 90 Euro eine Spucktüte einer kleinen Fluglinie aus Bangladesch erstanden. Eine Spucktüte aus dem Jahr 1936 wurde kürzlich sogar für 230 Euro verkauft, wie er erzählt. Zu seinen Lieblingstüten zählte jene einer finnischen Linie, auf der ein Eisbär lauter Eisbrocken "kotzt". In dieser Woche ist Clemens schon wieder zur nächsten Dienstreise aufgebrochen. Diesmal ging es nach Brasilien und er ist zuversichtlich, dass er erneut wieder neue Spucktüten seiner riesigen Sammlung hinzufügen kann.
