Die Geburt einer Legende
12.11.2011 - GIMBSHEIM
Von Angela Zimmermann
COCA COLA Der Gimbsheimer Auswanderer Harold Hirsch erfindet im 19. Jahrhundert die weltbekannte Brauseflasche
Jeder kennt sie, die charakteristisch geriffelte Coca-Cola-Flasche, die man heutzutage vor allem noch an Getränkeautomaten erhält. Die Form ist der Kakaobohne nachempfunden und erinnert zudem an einen Frauenkörper. Sie erzielt einen nicht unerheblichen Teil des Markenwerts des weltweit beliebten Erfrischungsgetränks.
Markante Werbekampagne vor über 100 Jahren
Doch was hat nun Gimbsheim mit der großen, weiten Coca-Cola-Welt zu tun? Bei Recherchen zu jüdischen Familien aus dem Altrheingebiet stießen Gisela, Martina und Hans-Dieter Graf sowie Gabriele Hannah auf eine kuriose Geschichte. Ein gewisser Harold Hirsch gehörte, als die braune Limonade gerade den Markt eroberte, zu den drei führenden Männern im aufstrebenden Coca-Cola-Unternehmen, die die „Coca Cola Company“ Ende des 19. Jahrhunderts in Atlanta begründeten. Als Justiziar war Hirsch unter anderem für die „Marke“ Coca-Cola verantwortlich und damit auch für ihr äußeres Erscheinungsbild.
Die geriffelte Flaschenform, der Schriftzug sowie die legendären Werbekampagnen der Anfangsjahrzehnte hat Hirsch zum Coca-Cola-Markenzeichen gemacht.
Wie es der Name schon verrät, hatte Hirsch seine Wurzeln in Deutschland, genauer gesagt im beschaulichen Gimbsheim in Rheinhessen. Um die Schicksale der Auswanderer nachvollziehen zu können, forscht die ehrenamtliche Gruppe unter anderem in den US-Zensuslisten. Dabei stieß sie auch auf die Familie Hirsch aus Gimbsheim. „Wir haben davon selbst nichts gewusst und sind mehr oder weniger durch Zufall über die Geschichte gestolpert“, erklärt Hans-Dieter Graf. Mitte des 19. Jahrhunderts wanderte der Gimbsheimer Heinrich Hirsch, geboren am 25. März 1838, nach Amerika aus. „Das war zu einer Zeit, als viele jüdische Bürger ihr Glück in Amerika suchten“, weiß Graf. Gemeinsam mit seinen zwei Brüdern führte Heinrich, der sich nun Henry nannte, erfolgreich ein Herrenbekleidungsgeschäft in Atlanta, das mehr als 100 Jahre lang Bestand hatte. Henry Hirsch heiratete Rosalie Hutzler, deren Eltern aus Worms stammten. Henry und Rosalie sind Harolds Eltern. Der Coca-Cola-Markenrechtler hatte also durch und durch rheinhessisches Blut in den Adern. 30 Jahre lang arbeitete er für die Firma als Rechtsberater und verhalf der „Coca Cola-Company“ letztendlich zu Welterfolg.
Familie Hirsch hat viele Spuren in den USA hinterlassen. Ein Gebäude der rechtswissenschaftlichen Fakultät der Universität in Georgia, wo Harold Hirsch studierte, heißt „Harold Hirsch Hall“.
Gimbsheimer hinterlässt Spuren im Cola-Land
Und auch am berühmten „Coca Cola-Place“ in Atlanta gab es bis September 2011 eine „Hirsch Hall“, ein Schwesternwohnheim, gestiftet von Joseph Hirsch, dem Onkel des „ Coca-Cola-Gurus“, wie Harold bisweilen genannt wurde. Vergangenen Monat wurde das Gebäude abgerissen.
Ursprüngliches Ziel der kleinen Forschergruppe, die ihre Wurzeln ebenfalls in Gimbsheim hat, war die Erweiterung und Fortführung eines biografischen Handbuchs der jüdischen Bevölkerung im Raum der heutigen VG Eich, das der Gimbsheimer Altbürgermeister Günter Reich erstellt hat. Dabei stieß die Gruppe auf eine „Rheinhessen-Connection“ in Amerika, denn zahlreiche jüdische Auswanderer aus der Region wurden im „Land der unbegrenzten Möglichkeiten“ heimisch.
Ein Teil der Hirsch-Familie blieb in Gimbsheim und lebte dort bis zur NS-Zeit. Die Verwandten in den USA konnten einige Familienmitglieder zu sich holen, andere fanden in deutschen Konzentrationslagern den Tod.
„Wir hätten nicht gedacht, dass eine Gimbsheimer Familie derart großen Erfolg in Amerika hatte“, sind Hannah und Hans-Dieter Graf immer noch verwundert über ihre Rechercheergebnisse. Denn schließlich haben sie herausgefunden, dass der Ursprung des Coca-Cola-Markenrechts in der knapp 3 000 Einwohner umfassenden Gemeinde Gimbsheim liegt.
