Von Christian Jung
Heidelberger Privatdozent Andreas Wagner erforscht Altes Testament
Trotz des grauen Betons erstrahlt das Alte Testament in lyrischen Farben. Denn im trist-dunklen Arbeitszimmer von Privatdozent Andreas Wagner im Wissenschaftlich-Theologischen Seminar der Universität Heidelberg wird die Bibel auf ihre poetischen Teile untersucht. "Es gibt unglaublich viele religiöse Texte, die poetisch sind, was besonders gut in der Originalsprache, dem Althebräischen, zum Ausdruck kommt", sagt der 43-jährige evangelische Theologe, der acht Sprachen beherrscht. Bei der intensiven Lektüre des Alten Testaments hat sich Wagner mit einem altorientalischen Dichtungsphänomen, dem "Parallelismus membrorum", beschäftigt. In der modernen Auslegung der Bibel spielte dieser bisher eine untergeordnete Rolle. Eine bestimmte Aussage werde durch zwei aufeinander folgende Sätze wiederholt und ähnele sich sehr. "Dennoch werden wie im Psalm 143,5 verschiedene Sichtweisen deutlich", erläutert der Schriftgelehrte. "Ich denke nach über die vergangenen Tage, // ich sinne nach über alle deine (Gottes) Taten", heißt es in dem Psalm. Für Wagner geht es bei der Interpretation solcher Bibelstellen mit Wiederholungssequenzen nicht allein um formale Prinzipien, sondern vielmehr um die Erkenntnis, dass in einem "Gedankenreim" zwei unterschiedliche Sichtweisen zum Ausdruck kommen. Die sich daraus ergebende Denk- und Erkenntnisform besagt für ihn, dass die altorientalische Welt als Ursprung der drei großen Weltreligionen immer einforderte, einen Sachverhalt aus verschiedenen Perspektiven zu durchleuchten und erst dann zu einem "rational nachvollziehbaren Ergebnis" zu kommen. "Dieses Prinzip hat auch später in der islamischen Poesie immer einen großen Stellenwert gehabt", betont Wagner. "So ist der 3000 Jahre alte poetische Aufruf zum Pluralismus und der gemeinsamen Auseinandersetzung mit der Welt moderner denn je und könnte zu einem neuen Dialog der Religionen beitragen." Schließlich habe auch die Literatur des alten Orients insgesamt auf vielfältige Weise in die europäische Poesie eingewirkt. Die gegenseitige "kulturelle Befruchtung und die gemeinsamen kulturellen Wurzeln" zu erkennen und darüber zu sprechen, sei somit ein großer Auftrag an die moderne Theologie. Internet: www.theologie.uni-hd.de/personalpages/wagner/wagner.htm
