Von Julia Ranniko
Prozess wegen Neonazi-Attacke in Heidelberg
/HEIDELBERG (dpa) Sie schütteten Bier auf den Kopf des Deutsch-Türken, verprügelten ihn brutal - und sprangen dann aus dem fahrenden Bus. Sechs Angeklagte im Alter von 16 bis 39 Jahren haben am Donnerstag vor dem Mannheimer Landgericht den fremdenfeindlichen Angriff in einem Linienbus bei Heidelberg teilweise gestanden. Die Staatsanwaltschaft legt ihnen schweren Raub und gefährliche Körperverletzung zur Last. "Die Provokation ging von uns aus", räumte etwa ein 19-Jähriger ein. Das 29 Jahre alte Opfer sei "ein gefundenes Fressen" für die Gruppe gewesen. Zwei Männer allerdings wiesen dem Deutsch-Türken die Schuld an der Schlägerei zu. "Der Türke hat uns wüst angepöbelt", sagte der älteste Angeklagte. Alle sechs gehörten der rechten Szene an - zum Teil auch als Wahlkampfhelfer der rechtsextremen NPD. Die Angeklagten tragen T-Shirt, Pullover oder Hemd, Jeans - und Fußfesseln. Einer von ihnen ist tätowiert, die früher kurz geschorenen Haare sind bei den meisten wieder gewachsen. Es ist voll im Gerichtssaal, jeder der sechs Beschuldigten sitzt mit mindestens einem Verteidiger an den langen Tischen. Der 39-Jährige lässt sich von einem Anwalt vertreten, der auch den verurteilten Rechtsextremisten Ernst Zündel verteidigt hatte. Angesichts der Altersspanne sind die Lebensläufe der Angeklagten grundverschieden: Während die jüngeren Männer vor Gericht von Ärger mit den Eltern, Hausarrest und abgebrochenen Schullaufbahnen erzählen, berichtet der 39-Jährige, er studiere im 25. Semester Medizin und trage sich mit Heiratsgedanken. Alle jedoch tranken viel Alkohol, und alle hatten - mehr oder weniger intensiven - Kontakt zu Neonazis. Drei Angeklagte betonen, sie seien allmählich in die rechte Szene "hineingerutscht". "Haare runter, Springerstiefel an, Bomberjacke an", erklärt der 19-Jährige kurz und knapp. Das Trio will sich künftig deutlich von der rechten Szene distanzieren. Ein 22-Jähriger jedoch berichtet freimütig von "Glatzkopf-Konzerten" und seiner Mitgliedschaft in der NPD - obwohl ihm die rechtsextreme Partei längst "zu angepasst" geworden sei. Für ihn war klar: "Wenn Wahlkämpfe waren, hat man sich Urlaub genommen." Ein 26 Jahre alter Mitangeklagter sagt einerseits, die Szene sei für ihn eine "Ersatzfamilie" gewesen, schiebt dann aber noch folgenden Satz hinterher: "Ich musste keine ,political correctness` wahren." Und der älteste Angeklagte (er bezeichnet sich als "national politisch aktiv") nutzt seine Aussage prompt dafür, die Medien für ihren Umgang mit braunen Parteien zu schelten. Einige der Männer kennen sich bereits aus der rechten Szene, andere sahen sich am Tattag zum ersten Mal. Nach dem Besuch einer rechtsextremen Veranstaltung im Dezember 2007 hörten die Betrunkenen im Bus ausländerfeindliche "Rechtsrock-Musik" und sangen lauthals mit. Sie seien "in Partystimmung" gewesen, berichten sie. Mit dem einzigen Mitfahrer, dem Deutsch-Türken, sei darüber ein Streit entbrannt, der zu einer Schlägerei ausgeartet sei. Laut Anklage sollen sie ihn geschlagen und mit einem Messer bedroht haben. Das Opfer erlitt Prellungen am Kopf, an den Armen und am Rücken. Sein Handy und seine Schuhe sollen die Angreifer mitgenommen haben. Der 29 Jahre alte Nebenkläger sei noch traumatisiert, sagte sein Anwalt am Rande des Prozesses. Gerade "Bus-Situationen" könne er nicht ertragen. Für das Verfahren sind vier Verhandlungstage bis zum 21. April (Montag) angesetzt.
