Vernetzung mit vielen Fachstellen
04.09.2010 - MANNHEIM
Von Heike Warlich
PSYCHOLOGISCHE BERATUNG Anlaufstelle für Schwule und Lesben in Mannheim besteht seit zehn Jahren
Obwohl es PLUS, die Psychologische Lesben- und Schwulenberatung Rhein-Neckar, seit 1999 gibt und sie die einzige ihrer Art in Baden-Württemberg und der Metropolregion ist, ist sie vielen unbekannt. Die Frage, ob eine solche spezialisierte Beratung gerade vor dem Hintergrund der berechtigten Forderung der Gleichbehandlung und Gleichstellung von schwulen und lesbischen Menschen überhaupt ins Bild passt, beantwortet Margret Göth so: „Schon bei der Gründung haben wir klar gemacht, dass wir keine Konkurrenzsituation aufbauen wollen. Aber es ist eine Tatsache, dass die meisten, die heute einen Gesundheitsberuf studieren, in ihrer Ausbildung nichts über Homosexualität, über schwule und lesbische Lebensweisen, lernen“, weiß die Diplom-Psychologin aus eigener Erfahrung.
Gemeinsam mit ihren Kollegen Thomas Heinrich, Andrea Lang und Dr. Ulli Biechele hat sie die Beratungsstelle vor mehr als zehn Jahren gegründet. Nachfrage und Angebot haben sich mehr und mehr ausgeweitet. „Wir arbeiten heute nicht nur innerhalb des schwul-lesbischen Netzwerks, sondern mit zahlreichen anderen Fachreinrichtungen in der Region zusammen“, so Göth.
Das Beratungs- und Therapieangebot in den vom Paritätischen Wohlfahrtsverband angemieteten Räumen in der Mannheimer Neckarstadt reicht von Einzel- und Paarberatungen über Gruppengespräche bis hin zu Infoabenden, Vorträgen sowie Szenerundgängen. „Nicht immer geht es um die sexuelle Orientierung, sondern um allgemeine Lebensfragen wie Probleme am Arbeitsplatz, eine bevorstehende Trennung, Kinderwunsch oder Probleme mit dem Älterwerden“, erzählt die Therapeutin. Häufiges Thema sind Konflikte, die mit dem Coming-Out einhergehen. „Während bei vielen jede Menge positiver Energie frei wird, entwickeln andere Ängste bis hin zur Depression“, weist Margret Göth generell auf die Bedeutung der Gruppen hin, die sich regelmäßig zum Gesprächsaustausch treffen: neben den Coming-Out-Gruppen auch die seit zehn Jahren bestehende Junglesbengruppe JuLe, „Gipfelstürmer“ (Gruppe für junge Schwule und Bisexuelle) und ganz aktuell die Gruppen für schwule Alkoholiker sowie für schwule Männer, die als Jugendliche missbraucht wurden.
Über die Beratungsarbeit hinaus leistet PLUS in verschiedenen Projekten Aufklärungsarbeit. Dazu gehört „Power up“, ein Angebot für Jugendliche mit Blick auf die eigene sexuelle Orientierung sowie auf den Umgang mit dem „Anders sein“. „,Schwule Sau‘ ist nach wie vor das meist gebrauchte Schimpfwort auf den Schulhöfen“, weiß PLUS um die Notwendigkeit der Sensibilisierung. Dieses Projekt konnte PLUS mit der Hilfe von Aktion Mensch ebenso auf die Schiene setzen wie RISPE, ein auf fünf Jahre ausgelegtes Programm für schwule Männer mit Psychiatrie-Erfahrung, sowie L.A.S.H., das die sexuelle Gesundheit junger schwuler Männer zum Thema hat.
Weil immer mehr Menschen mit Migrationshintergrund Beratung suchen, wurde gerade in Zusammenarbeit mit der Stadt Heidelberg speziell für diese Zielgruppe ein Programm entwickelt. „Doch ganz gleich, ob muslimischer oder christlicher Hintergrund - immer dann, wenn es ins Fundamentalistische geht, wird es für nicht-heterosexuelle Menschen schwierig“, wissen die PLUS-Therapeuten, dass Familien ihre Söhne bedrohen, ihre Töchter zwangsverheiraten und die Betroffenen selbst nicht selten zur Selbstverleugnung neigen. Das Team um einen Mitarbeiter oder eine Mitarbeiterin mit Migrationshintergrund zu ergänzen, lautet daher ein Wunsch.
Zu klären ist vorher jedoch die Frage der Finanzierung. Denn auch wenn die Ratsuchenden aus der gesamten Metropolregion kommen, so stellt bislang allein Mannheim öffentliche Gelder für die Beratung von Jugendlichen und Familien zur Verfügung. Ansonsten ist PLUS auf die Unterstützung von Sponsoren, Stiftungen, Mitgliedsbeiträge und die Unterstützung seines Fördervereins angewiesen.
