Ärmere Kinder kriegen nur Suppe
22.02.2011 - MANNHEIM
Von Wolf H. Goldschmitt
GANZTAGSSCHULE In Mannheimer Sondereinrichtung können 31 Familien Mittagessen nicht zahlen
Zwei-Klassen-Gesellschaft an einer Mannheimer Sonderschule: Die Ganztagsschüler nehmen an fünf Wochentagen am warmen Mittagsmenü teil. Etwa 15 Prozent der Kinder und Jugendlichen müssen zur Zeit jedoch mit einer dünnen Suppe vorlieb nehmen. Ihre Eltern können den Preis für das Mahl nicht aufbringen.
Bisher hatte die Kommune bei säumigen Zahlern ein Auge zugedrückt und alle Kosten gedeckt. Wegen seines Sparkurses übertrug der Gemeinderat die Essenversorgung auf eine private Gesellschaft. Und die kalkuliert wirtschaftlich und liefert nur, wenn bezahlt wird.
In einem schriftlichen Hilferuf an die Stadträte wollen zwei Lehrerinnen Abhilfe schaffen und werden vom Rektor dafür gerügt. Der Hunger der ärmeren, benachteiligten Kinder im Nachmittagsunterricht bleibt.
In der Eugen-Neter-Schule für Kinder und Jugendliche mit Entwicklungsstörungen oder Behinderungen hatten alle etwa 220 Schüler bisher am gemeinsamen Mittagessen teilgenommen. Es war sogar Pflicht, da das Essen als ein Teil des Bildungsauftrags angesehen wird, denn die Schule ist wegen differenzierter und individueller Förderangebote in kleinen Klassen angesehen.
„Nun ist die Situation eingetreten, dass 31 Familien das Mittagessen für ihre Kinder nicht bezahlt haben. Der Verpflegungsservice schließt deshalb die betroffenen Kinder vom Mittagessen aus“, schrieben die Pädagogen. Die Stadt Mannheim als Schulträger zahle jetzt lediglich pro Kind noch eine Suppe am Tag, allerdings nur bis 31. März.
Grüne: Arbeitsagentur soll Geld überweisen
Bislang sei es so, dass die Stadt das Inkasso des Essensgeldes übernommen habe, also auch die Ausfälle, wenn Eltern nicht bezahlt haben. Das müssten jetzt die Caterer eintreiben, was diese vor große wirtschaftliche Probleme stelle, beschreibt Dr. Michael Berges, Leiter der Neter-Schule, die schwierige Situation. Man müsse den Kindern helfen, deren Eltern ihren Erziehungsauftrag nicht ausübten, fordert auch Konrektorin Nicole Roggenstein. Für viele Kollegen sei es schwer, den Kindern zu erklären, dass sie nur eine Suppe bekommen, während der Nachbar aus dem Vollen schöpft.
„Die Kinder, die nun nicht mehr mitessen dürfen, sind dieselben, die bereits ihr Leben lang von Armut betroffen sind. Sie wissen, dass sie vieles nicht haben, was für andere Kinder selbstverständlich ist. Nun sollen wir sie auch noch in der Schule beim Mittagessen diskriminieren. Sie sitzen bei uns mit am Tisch und essen nur Suppe, während die anderen ein komplettes Mittagessen erhalten“, empören sich rund 23 Unterzeichner des Bittbriefes. Frustration und Aggression seien die Folgen, wenn gerade diese Kinder ungerecht behandelt würden.
Von Seiten der Grünen-Fraktion im Gemeinderat wird vorgeschlagen, das Problem über die Arbeitsagentur zu lösen und von dort aus das fehlende Geld für eine vollständige Mahlzeit direkt an den Essenzulieferer zu überweisen. Doch das erfordert nach Meinung der Lehrerinnen einen bürokratischen Aufwand, dem viele der betroffenen Eltern aus sozialen Brennpunkten der Stadt nicht gewachsen sind. Anträge müssen ausgefüllt und verschickt werden. Doch das wird - falls überhaupt alle mitmachen - noch Wochen dauern, und so lange müssen die Sechs- bis 18-Jährigen Kohldampf in der Mittagspause schieben.
„Am besten wäre es, wir fänden einen Sponsor für unsere Mittagstafel, der unbürokratisch einspringt, damit alle Kinder wieder ein richtiges Essen bekommen“, hofft eine Lehrkraft.
