Am Rande des guten Geschmacks
06.09.2010 - OSTHOFEN
Von Angela Zimmermann
KIKERIKI-THEATER Puppenstück „Erwin, ein Schweineleben“ mitunter befremdlich
„Erwin, ein Schweineleben“ - der Titel ist Programm, wenn das „Kikeriki-Theater“ die Puppen tanzen lässt. Der MGV hatte zum großen Theaterabend mit dem bekannten hessischen Ensemble eingeladen. „Denken Sie bloß nicht nach“, rät ein frecher Hahn vorab, vermutlich der beste Tipp des Abends.
Dann betritt Schwein „Erwin“ die Bühne. Mit sächsischem Dialekt, den es besonders hervorhebt. Und was könnte es Besseres geben als sich quasi zum Einstand in den Büschen zu erleichtern? Dabei lässt „Erwin“ Flatulenzen ertönen, die vermutlich sogar einen Elefanten in den Schatten stellen würden. Und auch die Sprache entpuppt sich schnell als äußerst fäkallastig. Spätestens hier besteht kein Zweifel mehr: Das Puppentheaterstück ist Geschmackssache. Und für manch einen Zuschauer mag es noch schlimmer kommen, als klar wird, nicht nur fäkal, sondern auch „sex sells“. Erwin benimmt sich im Wortsinne „wie Sau“, schlüpfrige Witze scheinen nicht nur am Kneipenstammtisch beliebt zu sein. Spätestens aber, als seine Freundin „Margarethe“ dazukommt, ist es vorbei mit dem „guten Ton“, der sich bis dahin allerdings eben auch eher in Erwins Verdauungsproblemen manifestierte.
Doch das Stück hat auch eine Handlung. Erwin, der seit seiner Geburt auf einem Bauernhof lebt, möchte die große weite Welt kennenlernen, „Action“ erleben. Doch wie soll man das als Schwein anstellen? Wie gut, dass ihm ein Wurm zu Hilfe kommt. Schon als sich das Tierchen phallusartig aus dem Boden schraubt, ist Schlimmes zu ahnen, doch als Erwin dann den Wurm so lange stimuliert, bis der unter lautem Stöhnen allseits bekannte Gelüste erlebt, muss man sich fragen, ob man tatsächlich in einer Theatervorstellung gelandet ist oder in einem Schmuddelkino. „Fummeln“ nennt der Wurm das Szenario.
Natürlich steht es jedem frei, das Stück für sich selbst zu bewerten und zu interpretieren. Klar ist, unser Alltag ist überladen von Sex. Insofern lässt sich den Machern des „Schweinelebens“ sogar Gesellschaftskritik unterstellen. Warum diese vermeintliche Kritik nicht etwas subtiler ausfällt, bleibt allerdings offen. Ebenso, ob das Publikum aus Höflichkeit lacht oder sich tatsächlich köstlich amüsiert. „Man muss sich schämen, dass so etwas hier gezeigt wird“, meinte eine Zuschauerin jedenfalls am Ende. Erwin begibt sich, nachdem er den Wurm endlich befriedigt hat, in die Tiefen der Kanalisation, die „Rattakomben“. Denn dort sollen Ratten, so hat es der Wurm versprochen, wilde Partys feiern. Die Zuschauer treffen tatsächlich auf zwei Exemplare, „Abrazzo“ und „Körbel“, die sich noch primitiver geben als das Schwein. Wüste gegenseitige Beschimpfungen dominieren den Dialog. Im Schlepptau haben sie ihren Rattenkönig. Ähnlichkeiten mit einer Persönlichkeit, die die Welt lieber nie erlebt hätte, die sich vor allem in Sprache und dem nur zu bekannten Oberlippenbart äußern, sind sicherlich nur Zufall. Es folgt eine langatmige Szene zwischen den beiden Ratten, die nur von den Zwischenrufen des Rattenkönigs unterbrochen wird. „Erwin“ gerät dabei fast schon in Vergessenheit.
Ein beliebtes Element der tierischen Darsteller sind auch englische Begrifflichkeiten, die bei den älteren Zuschauern auf Unverständnis gestoßen sein dürften. Was bleibt, ist die Erkenntnis: Die „Schweinereien“ des Kikeriki-Theaters sind in der Tat Geschmackssache.
