Dr. Günter Grau referiert in KZ-Gedenkstätte Osthofen über Homosexualität im Dritten Reich
28.01.2012 - OSTHOFEN
Von Ulrike Schäfer
Die Situation homosexueller Männer zwischen Terror und Anpassung in der Zeit des Nationalsozialismus ist ein Thema, das lange wenig beachtet wurde und wohl auch heute noch auf gewisse Vorbehalte stößt. Der sehr fundierte, interessante Vortrag von Dr. Günter Grau über die Motive und Instrumente der Nazis, die Homosexualität im Dritten Reich zu unterbinden, lockte jedenfalls keine großen Scharen in die Gedenkstätte KZ Osthofen.
Einschlägige Bücher aus dem Verkehr gezogen
Dr. Dieter Schiffmann, Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, freute sich gleichwohl zu Recht, dass im öffentlichen Umgang mit dem Thema ein Wandel stattgefunden habe. Gerade unter dem Stichwort Ausgrenzung sei das in der Gedenkstätte, die sich die Menschenrechtserziehung zur Aufgabe gemacht habe, unverzichtbar, denn die Homosexuellen hatten sowohl vor 1933 als auch nach 1945 noch einen schweren Stand. Und wenn es auch heute anders sei, seien Repressionen jederzeit erneuerbar. Deshalb müsse man die Erinnerung an die Zeit der Verfolgung und Ächtung wach halten.
Bereits Ende 1933 wurden einschlägige Bücher aus dem Verkehr gezogen, homosexuelle Vereine verboten. Dabei konnten sich die Nationalsozialisten durchaus auf eine breite Mehrheit stützen, denn schon vor der Machtergreifung Hitlers war eine Liberalisierung des Paragrafen 175, der aus dem Jahr 1872 stammte, im Reichstag verhindert worden. Die Nazis verschärften dann 1935, nach dem sogenannten Röhm-Putsch, den Paragrafen sogar, weil sie in der Homosexualität eine Gefahr für das Wachstum der Bevölkerung und eine „Schädigung des Volkskörpers“ sahen. Unterstützung hatten sie dabei, so beschrieb es Dr. Günter Grau, von der Psychiatrie, die die gleichgeschlechtliche Liebe als Entartung klassifizierte, ja, als um sich greifende Seuche, die es auszumerzen galt.
Zweifellos hatten die Nazis keine physische Ausrottung wie bei den Juden vor. Um ihr Ziel zu erreichen, zerstörten sie die Treff- und Begegnungsmöglichkeiten der Schwulen, verfolgten Männer, von denen eine „besondere Gefahr“ ausging, und sorgten für „Reinheit“ in den SS-Organisationen, vor allem der HJ, durch besonders harte Strafen, die sowohl als Abschreckung wie als Umerziehungsmaßnahme gedacht waren.
Fast jährlich wurden neue verschärfende Schritte gegen die „innere Brunnenvergiftung“ unternommen, die Zahl der Festnahmen bei Razzien in Großstädten steigerte sich dramatisch, wobei die Homosexualität oft auch als Vorwand genommen wurde, unliebsame Leute auszuschalten. Allein zwischen 1937 und 1939 wurden fast 100 000 Männer in der geheimen „Reichszentrale zur Bekämpfung der Homosexualität und Abtreibung“ erfasst.
Mitarbeiter für Projekt erwünscht
Nur etwa die Hälfte der rund 10 000 Männer, die aufgrund eines Vorbeugungs- oder Schutzhaftbefehls in ein KZ eingewiesen wurden, überlebte. Wer nicht interniert wurde, musste ein Leben völliger Anpassung führen, oft gingen die Männer sogenannte Kameradschaftsehen ein, um sich zu schützen. Erst 1994 wurde der Paragraf 175 in der Bundesrepublik ersatzlos gestrichen, 2002 wurden die Urteile gegen Homosexuelle während der Nazi-Zeit für nichtig erklärt.
Joachim Schulte von QueerNet, dem Netzwerk der schwul-lesbischen Gruppen und Initiativen in Rheinland-Pfalz, wies darauf hin, dass noch ein größeres Forschungsvorhaben über die Geschichte von Schwulen und Lesben in Rheinland-Pfalz anstehe. Mitarbeiter für dieses Projekt seien dringend erwünscht.
