Praktika statt Notenschnitt
01.09.2010 - BÜRSTADT
Von Heiko Sonnleitner-Seegmüller
WIRTSCHAFT Fachkräftemangel wird auch Bürstädter Unternehmen treffen
Der Fachkräftemangel kann in Bürstadt nicht nur zu einem Problem für die Unternehmen werden. Auch die Verbraucher könnten in der Zukunft ganz konkret davon betroffen sein. Weniger Fachkräfte bedeutet für die Unternehmen, dass sie weniger Aufträge annehmen können - und dies führt zu höheren Preisen.
„Einige Berufe leiden schon seit Jahren an einem Nachwuchsmangel“, wie die Pressesprecherin der Agentur für Arbeit, Judith Sturm, weiß. Gerade handwerkliche Berufe, wie Bäcker, hätten das Problem, dass sie bei vielen Auszubildenden unbeliebt seien. Dies sei allerdings eher die Ausnahme. Im Moment gebe es noch genügend Nachwuchs, so dass in nächster Zukunft nicht mit einer gravierenden Unterversorgung zu rechnen sei. Auch bereits voll ausgebildete Fachkräfte stünden dem Arbeitsmarkt noch ausreichend zur Verfügung. „Es wird allerdings immer schwieriger, Stellen zu besetzen“, so Sturm. Gerade ländliche Bezirke mit einer schlechten Infrastruktur, wie beispielsweise kleinere Orte im Odenwald, hätten bereits Probleme. Im südhessischen Raum mit guter Infrastruktur, wie in Bürstadt, könne ein Engpass auf absehbare Zeit vermieden werden.
Dass der Nachwuchs in Zukunft knapp werden könnteund damit zu einem späteren Zeitpunkt auch die Fachkräfte, bestätigte auch Sturm, die in den wesentlichen Punkten die Meinung der Bürstä-dter Betriebe vertrat.
„Derzeit haben wir noch keinen Fachkräftemangel“, wie Heinrich Löschner vom Autohaus Bürstadt bestätigte. Das Problem sei derzeit, dass keine geeigneten Jugendlichen zu finden seien. „Vor 15 Jahren hatten wir noch Haupt- und Realschüler mit einem Notenschnitt von zwei - inzwischen bewegt sich der Schnitt zwischen vier und fünf“, so der Unternehmer. Deshalb sei der Mangel bereits in Reichweite. „Die Fachkräfte werden nicht jünger und von hinten kommt nicht genügend nach“, bedauert der Bürstädter. Deshalb würden sich die ersten Engpässe in vier Jahren zeigen, so seine Überzeugung.
Bedingt durch die zukünftigen Probleme sind die Bür-städter Unternehmen zum Umdenken gezwungen. Waren bisher die Noten dafür ausschlaggebend, ob ein Schulabgänger eingestellt wurde, geht es jetzt darum, wie sich die Azubis in den Betriebsablauf einfügen. Wie im Autohaus Bürstadt finden sich zahlreiche Betriebe in der Sonnenstadt, die möglichst viele Praktikanten betreuen. Sie nutzen die zeitlich begrenzte Arbeitsleistung zur Beurteilung der Eignung. Während sie früher auch fachfremde Aufgaben hatten, haben sie jetzt leichte Arbeiten im zukünftigen Berufsfeld zu übernehmen.
In einigen Bereichen, die traditionell nur wenige Auszubildende vorweisen können, machen sich die Probleme ebenfalls stark bemerkbar. So wird aus dem Elektromaschinenbau berichtet, dass sehr viele Ausbildungsplätze unbesetzt blieben. Dabei bestünde gerade für diese Bereiche eine große Nachfrage an qualifizierten Kräften. Damit diese Betriebe die eingehenden Aufträge auch weiterhin bearbeiten können, werden oftmals Arbeiter mit ähnlichen Berufen eingestellt und von den Betrieben nachqualifiziert.
Die Bürstädter Unternehmer sind sich in einem Punkt einig: Dem Nachwuchs fehlt es an Bildung, Förderung und Reife. Deshalb könnten sie nicht ausgebildet werden. Diese Meinung vertritt ebenso die Arbeitsagentur. „Auch der demografische Wandel wird uns Schwierigkeiten bereiten“, wie Sturm berichtet. In Kombination mit fehlender Ausbildungsreife könnten in der Zukunft massive Mangelerscheinungen entstehen. Deshalb setze die Arbeitsagentur derzeit auf Prävention. Die Jugendlichen sollen in geeigneten Maßnahmen geschult und ausbildungsfähig gemacht werden.
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