Schöne Aussichten auf den Pott
11.05.2010
Von Uli Auffermann
RUHRGEBIET Statt „Monte Schlacko“ wunderbar surreale Kontraste von Natur und Industrieanlagen bei ausgiebigen Wandertouren im Revier erleben
Das Ruhrgebiet - mit Essen als Kulturhauptstadt 2010. Längst hat sich das herumgesprochen. Interessantes ist da zu hören, zu lesen. Dennoch bleibt ein wenig Skepsis, ist die Vorstellung vom „Ruhrpott“ doch schwarz und düster. Müsste nicht die ganze Gegend mit einer Schicht aus Kohlenstaub bedeckt sein? Die Überraschung ist entsprechend groß.
Jeder, der in diesen Tagen zu Besuch kommt, sieht, wie grün das Revier ist. Kaum kann man sich dem Reiz dieser romantischen uralten Kulturlandschaft entziehen. Vor der rasanten Industrialisierung war alles weitgehend von Wiesen, Feldern und Laubwäldern geprägt. Durchsetzt von Streusiedlungen und großen Einzelgehöften, dazu prächtige Burgen, Schlösser und Herrenhäuser. Auch heute noch ist die ganze Anmut dieser Landschaft wahrzunehmen.
Wer ins Ruhrgebiet reist, findet einen unerwarteten Erlebnismix. Man kann ausgedehnte Wanderungen machen, Exkursionen in die Welt des Bergbaus und der Schwerindustrie, Museen besuchen, Kunst und kulturelle Veranstaltungen erleben.
Und natürlich kann man auf Spurensuche gehen. Auf Spurensuche nach dem Bodenschatz, der die atemberaubende Entwicklung dieser Region auslöste: Kohle. Denn in den grünen Hügeln südlich der Ruhr hatte alles begonnen. Geradezu ideal dafür: der bergbauliche Rundwanderweg im Muttental bei Witten, ein herrliches Erholungsgebiet, wo zudem liebevoll die Zeugnisse der ersten Anfänge des Steinkohlebergbaus zur Besichtigung dokumentiert sind. Danach noch ein Besuch im Deutschen Bergbaumuseum in Bochum machen, dem weltgrößten seiner Art.
Landschaft, Kunst und Relikte der Zechen und Kokereien miteinander zu verbinden, lässt sich durch die einzigartige Besteigung der alles überragenden Abraumhalden des Reviers. Früher waren sie hochaufgeschüttete schwarze Berge neben den Schachtanlagen, in deren Schatten sich häufig die Bergarbeitersiedlungen befanden. „Monte Schlacko“ wurden die 50 bis 150 Meter hohen Halden genannt. Ein Titel, dem sie nicht mehr gerecht werden. Mit Kunstobjekten auf den Gipfeln, aufwendiger Begrünung und überzogen mit Wanderwegen sind sie zu bedeutenden Landmarken geworden. Die Aussicht ist immer fantastisch, und der Kontrast aus Natur und Industrieanlagen beinahe surreal.
Zu den Kontrasten gehört Wandern in der Elfringhauser Schweiz, direkt vor den Toren Hattingens mit seiner wunderschönen Altstadt. Die Gegend macht ihrem Namen alle Ehre, so steil sind die Anstiege teilweise. Anschließend dann hinunter zur idyllischen Ruhr. Wo einst auf dem Leinpfad die Pferde die Schleppkähne zogen, folgen heute Wanderer und Radfahrer ihrem Lauf. Der Fluss ist inzwischen recht sauber und fischreich. An heißen Tagen zieht es die Bewohner der großen Städte von Dortmund, Bochum, Essen hierher. Zum Picknick, zum Entspannen, zum erfrischenden Bad. Wie sich überhaupt das Ruhrgebiet zu einer Region von hohem Freizeitwert entwickelt hat.
Gerade Wanderer kommen nicht nur rund um die Ruhrstauseen, sei es im sanften Hügelland südlich des Baldeneysees, am Kemnader See oder in den steilen Hängen des Ardeykammes am Harkort- oder Hengsteysee, auf ihre Kosten. Die ausgedehnten Wälder der Kirchheller Heide und der Haard im Norden des Reviers, die Spazierwege entlang der Kanäle oder Kurzwanderungen am Sonntagnachmittag durch die kunstvoll angelegten, teilweise historischen Parkanlagen, Schlösser, Herrenhäuser: All das macht Wandern hier aus.
Wer einmal zu Besuch im Revier ist, kann bald verstehen, dass es auch heute noch viele Menschen aus dem „Kohlenpott“ mit Wehmut erfüllt, dass die meisten Zechen längst verschwunden sind und sich nur noch an wenigen Fördertürmen die Räder drehen. Befindet man sich auf der Route Industriekultur, beeindruckt das genau wie früher, als dort noch malocht wurde. Seit der Kohle- und Stahlkrise der 1960-er und 1970-er Jahre steckt das Ruhrgebiet im Strukturwandel. Ein Muss also, weitere Industriedenkmäler zu besichtigen und jene einst dröhnenden Stätten härtester Arbeit auf renaturierten, für die Erholung erschlossenen Flächen zu umwandern.
Der „Pott“ hat sein Gesicht geändert. Was könnte man besseres tun, als einen Tag im Biergarten ausklingen zu lassen? Vielleicht bei Currywurst und Pommes, dazu das typisch herbe Pils der Region trinken.
