Ärzte rechnen mit 30 000 Diabetes-Fällen bei Kindern bis 2020
23.11.2012
Erlangen (dpa) - Die Zahl junger Diabetiker steigt in Deutschland an. Das gilt Medizinern zufolge sowohl für den Diabetes Typ 1 als auch für den meist ernährungsbedingten Typ 2.
Ärzte rechnen in den kommenden Jahren mit einem starken Anstieg der Diabetes-Fälle bei Kindern und Jugendlichen. Bis 2020 könnte demnach bundesweit bei voraussichtlich etwa 30 000 Menschen unter 15 Jahren der Diabetes mellitus Typ 1 festgestellt werden. Im Unterschied zum sogenannten Altersdiabetes (Typ 2) verlaufe die Erkrankung beim Typ 1 meist sehr schnell, sagte Holger Blessing von der Universität Erlangen. Innerhalb weniger Wochen sei der Körper nicht mehr in der Lage, Insulin selbst herzustellen.
Mögliche Ursachen von Diabetes Typ 1 seien neben genetischen Faktoren, falscher Ernährung und Umwelteinflüssen auch ein zu frühes Abstillen oder eine Kaiserschnitt-Entbindung. «Das sind jedoch alles nur Thesen», betonte Blessing am Rande einer Fachtagung über Therapien und Behandlungsmethoden in Erlangen. Die Betroffenen müssen lebenslang mit Insulin behandelt werden, weil ihr Körper den Stoff zur Zuckerverwertung nicht mehr selbst produzieren kann.
Weltweit beobachte man derzeit eine Zunahme der Typ-1-Neuerkrankungen um 2 bis 3 Prozent pro Jahr, sagte Andreas Neu von der Universitätsklinik Tübingen. In Europa seien es 3,4 Prozent. In Deutschland lebten mittlerweile etwa 25 000 Kinder und Jugendliche unter 20 Jahren damit. Die Diagnose werde häufig im Schulalter gestellt, allerdings habe es in den vergangenen Jahren einen Trend zu Neuerkrankungen in immer jüngerem Alter gegeben.
Ursache für Typ 2 Diabetes ist auch bei jungen Menschen dagegen oft Bewegungsmangel und Fettleibigkeit. Die Zahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen ist Schätzungen zufolge mit 5000 noch nicht so hoch wie bei Typ 1. Sie steigt aber sehr rasch.
Diabetes bei Kleinkindern
Mit der Zuckerkrankheit umzugehen, ist schon für Erwachsene schwierig: Zu jedem Essen muss der Patient sich Insulin spritzen, damit der Körper den Zucker aus der Nahrung verwerten kann. Bei Kindern ist das noch schwieriger. Auch der dreijährige Paul aus Neunkirchen am Brand bei Erlangen ist betroffen. Da Kleinkinder nicht so oft gepikst werden können, bekam Paul eine Insulinpumpe, wie sein Vater Christian Müller-Thomas erzählt. Sie kann zwei Tage lang getragen werden und gibt das Insulin über einen Katheter ab.
Dennoch sei die Diagnose ein Schock gewesen. Vor jedem Essen muss Paul künftig seinen Blutzuckerspiegel messen. Bei Stress oder Krankheit oder im Urlaub sei Vorsicht geboten. Hier verändert sich oft der Zuckerspiegel - und die Insulinmenge muss angepasst werden. Jetzt übernehmen das noch die Eltern, Großeltern und die Erzieher im Kindergarten. «Das erfordert viel Disziplin», sagte Müller-Thomas.
Eltern, Angehörige und Erzieher müssten geschult werden, um dem Kind helfen zu können, sagt der Leiter der Diabetes-Ambulanz an der Klinik Nürnberg, Horst Seithe. Die Kosten würden aber nicht vollständig von den Krankenkassen übernommen.

