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Wormser Zeitung

Nachrichten 

Lauter bildschön hingelagerte Theaterleichen

18.02.2006 - MAINZ

Von Jens Frederiksen

Mit einem Augenzwinkern genießen - die Ausstellung "Liebesleid und Heldentod" im Mainzer Landesmuseum

Schmunzeln erlaubt. Die Ausstellungsmacher stellen zwar einfach nur aus, was seit Jahrzehnten im Depot geschlummert hat, verkneifen sich jede süffisante Anmerkung, jede ironische Girlande. Doch das präsentierte Material wirkt auch unkommentiert so amüsant, dass der Besuch Vergnügen pur garantiert. In der Ausstellung "Liebesleid und Heldentod", die sich ab Sonntag im Mainzer Landesmuseum der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts widmet, sind meuchelnde Recken mit rollenden Augen und anmutig hingesunkene Schönheiten mit himmelwärts gerichtetem Blick im Dutzend billiger zu bewundern. Kein Figurentableau ohne große Geste, kaum ein Bild ohne dramatisch ausgeleuchtete Leiche - der Griff in die Klamottenkiste der Geschichte gerät den Malern des Historismus wie unter Zwang zum großen Theater. Rund 30 Gemälde aus den Beständen des Landesmuseums, oft seit 40 Jahren und länger nicht mehr gezeigt, wurden für diese zunächst in Edenkoben in der Villa Ludwigshöhe gezeigte Schau dem Vergessen entrissen. Für die Mainzer Ausstellungsstation sind noch einmal 30 Aquarelle, Zeichnungen und Kupferstiche hinzugekommen - teils aufschlussreiche, stets aber hochamüsante Ergänzungen zu dem, was da in Öl vor den Betrachter gestellt ist. Der erste Blick fällt auf ein Riesenformat, einen "Gefesselten Prometheus" von Wilhelm von Lindenschmit dem Jüngeren. Der Titelheld reckt sich, ringt mit den Elementen, lässt die Muskeln spielen - und dort, wo das sittliche Empfinden des Betrachters Schaden nehmen könnte, hält der zum Verständnis der Geschichte ebenfalls unerlässliche Adler gnädig sein Gefieder ausgespannt. Die Maler des Historismus gingen davon aus, dass ihr Publikum verstand, was ihm mit viel Sinn für den symbolträchtigen Moment und noch mehr Sinn für erlesene Kostümierung vorgesetzt wurde. Bei einigen Sujets der dramatischen Literatur vermittelt sich das auch dem heutigen Betrachter noch ohne Probleme. Macbeth schreckensstarr nach dem Mord an König Duncan; Faust galant neben dem von züchtigen Zöpfen umspielten Gretchen - die zugehörige Geschichte ist dem Theatergänger nach wie vor vertraut. Mimik und Gestik indes sind nicht von dieser Welt. Schwieriger freilich wird es bei den historischen Sujets, denen keine literarische Krücke aufhilft. Das figurenreiche Tableau mit Totenklage und Kreuzabnahme vor dem Hintergrund der Schlacht gegen die Ungarn auf dem Lechfeld 955, das der ältere Wilhelm Lindenschmit, Vater des vorgenannten "Jüngeren", um 1840 malte, wird dem Gros der Besucher wohl erst durch die Begleittafeln verständlich. Und auch zu der von Johann Baptist Berdellé 1857 im Querformat eingefangenen antiken Dichterin Sappho mit anmutig aus den Meereswellen steigenden Nymphen sind die ergänzenden Anmerkungen mehr als hilfreich. Und manches ist ohne Erläuterung überhaupt nicht mehr zu verstehen. Die von Tragik umwehte "Sakuntala" des Mainzer Malers Nathanael Sichel von 1874 verweist auf eine indische Liebesgeschichte, die niemand mehr kennt. Und auch die Sage der drei "Rolandsknappen", die der ebenfalls in Mainz geborene Ferdinand Becker in einen Aquarellzyklus von altdeutscher Pluderhosenseligkeit einsenkte, kann längst nicht mehr als Gemeingut gelten. Doch darum geht es auch gar nicht. Es geht um ein Gesten- und Gefühlsrepertoire, das uns Heutigen nicht mehr anders als wunderlich erscheinen will. Welch lautes Aufstampfen, welch rumpelndes Ringen um Bedeutsamkeit! Der Zeitgeist schwitzt - und wir sind eingeladen, einen Moment zu verweilen, uns zu amüsieren . . . und ganz nebenbei eben doch die eine oder andere Geschichte kennenzulernen, die unseren Vorfahren wie selbstverständlich zu Gebote stand. Eröffnung am Sonntag, 11 Uhr; Dauer bis 2. Juli; geöffnet Di 10 bis 20, Mi - So 10 bis 17 Uhr.


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