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Wormser Zeitung

Nachrichten 

Eine Springprozession als Leichenzug

11.04.2008 - MAINZ

Von Frank Wittmer

"Gehörgang ins Auge" - Neue Musik für experimentelle Stummfilme in Ars-nova-Reihe in Mainz

Die Verbindung Film und Neue Musik ist reizvoll. In kaum einem anderen Zusammenhang erscheint zeitgenössische Musik dem "Konsumenten" so zugänglich wie in der akustischen Illustration bewegter Bilder - wie bei den zwölftönigen Filmmusiken von Leonard Rosenman ("Rückkehr zum Planet der Affen") oder Kubricks Verwendung von Ligeti in "2001". Eine Verbindung ältester Filme und neuester Musik präsentierte die SWR2-Reihe Ars Nova nun im Frankfurter Hof in Mainz unter dem Titel "Gehörgang ins Auge". In den letzten Jahren gab es bereits etliche Projekte, große Stummfilme von zeitgenössischen Komponisten neu vertonen zu lassen. Hier bot sich nun die Gelegenheit, auch kleine, meist übersehene Perlen des frühen Experimentalfilms auf der großen Leinwand zu sehen, verbunden mit Live-Musik von dem Stuttgarter Ensemble ascolta. Die Originalkompositionen für die Filme stammen aus den Jahren 2004 bis 2007. Die Filmauswahl bot fast eine klassische Hans-Richter-Werkschau: Der dadaistische Maler und Grafiker war mit seinem experimentellen Filmschaffen prominent vertreten. Sein berühmter "Vormittagsspuk" von 1928 konnte sogar in zwei verschiedenen Vertonungen verglichen werden. Diese übermütig-albern-witzige Burleske vom Aufbegehren der Gegenstände, deren originale Musikfassung von Paul Hindemith die Nazis als "entartet" zerstörten, bietet so ziemlich alles an damaliger Tricktechnik - von simplen unsichtbaren Schnüren über Mehrfachbelichtung, Rückwärtslauf, Negativfärbung bis hin zu Stop-Motion. Die Vertonung von Cornelius Schwehr (2004) suchte mehr das Dramatische, wirkte dabei allzu schwerfällig. Martin Smolkas originelle Fassung aus demselben Jahr betonte anfangs das Schwebend-Unheimliche, setzte eigene witzige Pointen und verlieh dem Ganzen mitreißenden Drive. Richters "Rhythmus"-Studien 1921/23 sind wohl die ersten voll-abstrakten Filme. Bernd Thewes´ (free)jazz-gefärbte Vertonung beider präsentierte sich quasi als zweisätziges Werk auf einem Atem. Die große Spiel-Akuratesse des Ensembles, an der man nach der verstolperten Eröffnung mit Olga Neuwirths Fassung der "Diagonal Symphonie" von Viking Eggeling schon zweifeln konnte, begeisterte vollständig in Oliver Fricks Soundtrack zu Walther Ruttmanns viragiertem "Lichtspiel op. 1", das den geometrischen Figuren Richters und Eggelings amorphe Formen und geradezu psychedelisch wirkende Blasen entgegenstellte. Ebenso begeisterte die Darbietung einer "historischen" Stummfilmmusik, die Erik Saties zu René Clairs legendärem "Entr´acte" (1924): Der Leichenzug als Springprozession hinter einem Kamel her hat auch heute nichts von seinem surrealistischen Witz eingebüßt und verfehlte seine Wirkung beim Publikum nicht!


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