Von Richard Hörnicke
Von Gioacchino Rossinis im Alter von 25 Jahren geschriebene Oper „La gazza ladra“ (Die diebische Elster) kennt man nur noch die Ouvertüre. So ändern sich die Zeiten und der Geschmack des Publikums – der ein Jahr zuvor komponierte und heute zum Standardwerk jedes größeren Opernhauses gehörende „Barbiere di Siviglia“ wurde zum Misserfolg, während die Aufführungen der Diebischen Elster in der Mailänder Scala gestürmt wurden.
Das erscheint angesichts ihres fragwürdigen Librettos nicht verständlich: Am Ende der verzwickten Handlung wird ein angeblich von dem Bauernmädchen Ninetta gestohlener silberner Löffel im Nest einer Elster gefunden und damit das glückliche Ende besiegelt.
Im Vergleich zu seinem „Barbiere“ hat Rossini mit der „Gazza ladra“ eine „Opera semi-seria“, also eine „halbernste“ Oper geschrieben, deren tiefere seelische Dimension in Fassung und Arrangement (Alexander Krampe) der Münchner Kammeroper im zweiten Akt ihre Entsprechung findet.
Die Regie muss sich den Anforderungen einer mobilen Produktion anpassen
Man muss sich eingewöhnen – denn nach dem unbestritten heiteren Charakter der Ouvertüre ist vorerst der reine Rossini zu hören: die vielen kleinen munteren Tiraden, die Lachfältchen, die dem Ganzen Buffo-Stimmung verleihen, die heiter dahin purzelnde Melodik nehmen ein. Erst im zweiten Akt wird es ernster; die zum Tode verurteilte Ninetta muss sich gespenstischer Gestalten erwehren, zu denen mit der diebischen Elster als Flattergeist die Verursacherin der ganzen Schwierigkeiten zählt – die Titelfigur ist immer gegenwärtig.
Musikalisch sind hier andere Töne zu hören, Rossinis Spätwerk kündigt sich in der sicheren Beherrschung dramatischer Mittel an. Und doch – auch diese textlich respektable und musikalisch überzeugende Bearbeitung wird diese Oper nicht in das Repertoire zurückholen können. Die Regie von Dominik Wilgenbus muss sich den Anforderungen einer mobilen Produktion anpassen, die Akteure werden auf sparsam ausgestatteter Bühne geschickt geführt, das solistisch besetzte Kammerorchester musiziert unter der vital zulangenden und inspirierten Leitung Philipp Armbrusters in bester Spiellaune.
Auch gesungen wird beachtlich, wenn auch manchmal etwas forciert, genannt werden sollen der klar und profiliert singende Altus Thomas Lichtenecker als Pippo sowie die koloraturensichere Simone Eisinger in der Partie der Ninetta. Überaus herzlicher Beifall im ausverkauften Bad Schwalbacher Kurhaus für diese Veranstaltung des Rheingau Musik Festivals.
